Was ist "M.A.L."? das ist abgekürzt von
Ryuu's Idee der Aktion "mein armes Leben". Wir hatten diese Idee anlässlich einer Diskussion zur Aktion
"Best things are free".
Es geht darum, das Private politisch zu machen, und dazu zu stehen, daß man halt einkommensmässig gesehen arm ist.
Es geht NICHT darum, zu jammern oder Armut als etwas anzusehen, was selbstverschuldet ist, oder wo man sich doch einfach gut fühlen könnte damit und es aufwerten und dann wäre es ja kein Problem mehr.
Sondern darum, daß dieses verschämte Schweigen dazu, weil man eben ein geringes Einkommen hat, und deshalb nicht auf sonstwie großem Fuß leben kann, sich umwandelt in ein sich-sichtbar machen und durchaus ein "na und?"
Armut ist, laut EU-Definition, wenn man weniger als 60% des durchschnittlichen Einkommens des Landes hat. Was ist eigentlich dieses ominöse Durchschnittseinkommen? Ich weiss es auch nicht, aber die seriöseste Zahl, die ich halbwegs finden konnte, ist vom
statistischen Bundesamt und von 2005. Eine aktuellere Zahl finde ich grade nicht - da ist das Durchschnittseinkommen pro "Verbrauchereinheit" - äh, also irgendwie pro Nase, so hab ich das verstanden - im Jahr 22700 Euro.
Doch, das ist schon pro Nase.
Wikipedia hilft mal wieder weiter.
Beispiel: In einer fünfköpfigen Familie erzielt die Ehefrau 5000 Euro Einkommen, der Ehemann arbeitet nicht, zwei Kinder sind 6 bzw. 8 Jahre alt, ein weiteres 15. Das Nettoäquivalenzeinkommen beträgt 5000/(1 + 0,5 + 0,5 + 0,3 + 0,3) = 1923 EUR.
Also, dieses Netto-Äquivalenz-einkommen ist dann pro Monat 1891 Euro. Im Schnitt. Davon 60% genommen:
1135 Euro im Monat. Das ist dann (2005) die Armutsgrenze.
Also, wer weniger hat, im Monat, ist arm.
Es handelt sich dabei, auch laut Wikipedia, um
Relative Armut - weil diese relativ zum Durchschnitt berechnet wird.
Jetzt müsst ich glatt mal überlegen, ob ich überhaupt arm bin.
Müsst ich dann das Einkommen von mir und meinem Allerwertesten zusammenrechnen und durch 1,5 teilen, weil man durch z.b. einen gemeinsam genutzen Haushalt so allerhand weniger ausgeben muss. rechnet man jede weitere erwachsene Person ja mal 0,5... also als halbe Person, nicht als ganze Person. Jo, also *überschlag* - wir liegen eindeutig weit drunter, unter den 60%, also sind wir arm.
Nicht daß ich mich arm fühlen würde - ich finde schon, daß ich ein irre tolles Leben habe, wo ich auch sehr glücklich mit allem bin. Aber arm sein - bei aller Liebe zum mehr-Zeit-haben und keine 40-Stunden-Woche haben - heißt halt auch, daß man auf vieles, was anderen normal erscheint, verzichten muss.
Also z.b. ein Auto zu haben ist da nicht drin - weil das nicht nur stinkt, sondern auch sehr viel Geld kostet, das dann anderweitig fehlen würde. Da wir kein Auto haben, fehlt es wenigstens nicht anderweitig. Hätten wir eins, würden wir das Geld fürs Auto wohl ganz schön zusammenkratzen müssen. Auch eine Monatskarte für die Öffis würde zu Buche schlagen.. daher..:
Mein Verkehrsmittel:

Hab ich mir vor ca. 10 Jahren für damals 200 DM gebraucht gekauft, und seitdem bin ich fast täglich mit dem Rad unterwegs. Es hält sich wirklich gut und wurde auch noch nicht geklaut! :-)
Was auch meist nicht drin ist, ist eine Zentralheizungswohnung. Diese kosten nämlich mehr als Ofenheizung. Wir haben ja das Glück, daß wir in Mieter-Selbsthilfe-Sanierung mit unserem Haus in so ein Förderprogramm reinkamen, und als diejenigen, die damals mit aufm Bau gearbeitet haben, und zwar für lau, gelle, müssen wir nicht soviel Miete zahlen, bzw. zahlen für Zentralheizungs-Wohnung (noch) ebensoviel wie für eine gleich grosse Ofenheizungswohnung. Für alle anderen bedeutet niedriges Einkommen in Berlin: Kohlen schleppen und Ofen heizen.
Was Ryuu auch schon erwähnte, war der berühmte Computer, der schon völlig veraltet ist, mit von der Partie. Vor diesem supi kleinen Mac (für 480 Euro), den ich jetzt nutze, hatte ich einen alten Compi vom Lidl, 1999 erworben oder 1998, der wirklich lange durchgehalten hat. Lüfter ratterte wie ein Traktor, zum Hochfahren brauchte er 10 Minuten, bei myvideo gibts entweder nur Bild oder nur Ton - youtube geht mit langer Verzögerung, myspace lässt alles abstürzen: Zu alt selbst zum surfen im Internet. Wegen noch anderen Ausgaben ließ die Computer-Erneuerung meine "Hohe Kante" sozusagen auf Null schrumpfen, da auch der Monitor zeitgleich kaputt ging und ein neuer her musste.
Wenn die Waschmaschine auch noch hinüber gewesen wäre, wär das bissel schlecht gewesen. ;-)
Ich glaube, das klingt für euch alle fürchterlich normal und ich denke, viele von euch kennen das vom eigenen Alltag und "was soll daran arm sein"?
Eigentlich bin ich ja auch froh, daß ich die ganzen Sachen nicht am Hacken habe, mit dem Reiche so beschäftigt sind: man muss Statussymbole anhäufen, pflegen und zur Schau stellen, sich Alarmanlagen kaufen und sich hinter Mauern und Zäunen und in speziellen Vierteln verschanzen - unschön.
Bei unsereins ist es ja z.b. völlig normal, und gar nicht anrüchtig, wenn das Geschirr nicht zusammenpasst und vom Flohmarkt zusammengewürfelt ist.

Motz-Trödelladen, Berlin-Friedrichstrasse: 1 Glas/Plastikbecher für 30 Cent.
Ich würde schon sagen, daß Armut (also Leben mit relativ niedrigem Einkommen) für mich die meiste Zeit keine Einschränkung, sondern eben mein Lifestyle ist. Für meinen Partner sieht das schon wieder anders aus, für ihn ist es eine Einschränkung, bzw. es ist einfach nicht der Lebensstil, den er wählen würde, wenn er auch die Wahl hätte, mehr Geld zu haben. Den Unterschied ob das selbst gewählt ist, oder ob es einschränkt, kann man ganz gut an unseren Kontoständen ablesen. Bei mir ist meistens genug drauf, um zur Not eine neue Waschmaschine, oder einen neuen Monitor, oder eben eine unvorhergesehene grössere Anschaffung machen zu können. Das bedeutet eigentlich nix anderes, als daß ich mit dem wenigen Geld, das ich nach Hause bringe, genug Geld habe, so daß sich sogar noch etwas anstauen kann.
Der Umkehrschluss geht natürlich nicht, daß also jeder, der vll. 4000 Euro im Monat hat und das alles ausgibt oder Schulden macht, in Armut leben würde. *gg* Aber ich würde mal sagen, wenn mir jemand sagt, er wäre auch arm und käme so super klar und das wäre alles so prima und selbstgewählt und toll - daß mich dann schon interessieren würde, was am Monatsende auf dem seinen Konto ist. Weil Geldsorgen sind voll ungeil und das kann doch niemandem Spaß machen???
Ich hatte schon das Glück, daß ich nur selten wirklich jeden Euro (oder früher DM) drei mal umdrehen musste. Und wenn, dann hab ich das ziemlich sportlich gesehen, also wirklich superstreng ein Haushaltsbuch geführt, ausgerechnet, wieviel Geld ich am Tag für Essen und alles ausgeben kann, und vorher natürlich brav noch was abgezogen falls irgendwas unvorhergesehenes fällig wird. Und dann auch wirklich versucht, jeden Tag noch einen Euro weniger auszugeben als veranschlagt. Das war auch nur deshalb nicht schrecklich und deprimierend, weil ich mit der Strategie halbwegs bald wieder auf ein kleines Polster kam und etwas entspannter sein konnte. Ich glaube, ich wäre ne gute "Schulden-Nanny" - es gibt da ja diese Sendung, wo so ein Schuldnerberater Leuts aus den roten Zahlen führt *g* - zumindest für mich selbst.
Als wir mal im Urlaub waren, verlor ich mein Portemonnaie, und wir hatten auf einmal nur noch halb soviel Geld wie vorher (also den Inhalt des Portemonnaies meines Freundes). Ich habe damals die Finanzministerin gespielt und ein sehr strenges Regime eingeführt, auch ausgerechnet, was man am Tag an Geld hat, und dann Unternehmungen geplant, die nichts oder wenig kosten dürfen. Das war also quasi jeden Tag die Nummer: An den Strassenrand stellen, zu einem Ausflugsziel trampen, mit vorher geschmierten Broten als Proviant, dort in der Natur rumwandern und abends zurücktrampen. Morgens zu Fuss eine halbe Stunde zum "Netto" zum Lebensmitteleinkaufen laufen, weil alle anderen Läden (Dänemark!) viel zu teuer waren, und eine halbe Stunde zurück laufen zum Zeltplatz. Und wenn beim Essen kaufen es gelang, etwas, das satt macht, zu kaufen, das unter dem Tagesbudget liegt, dann konnte man nach 2-3 solchen Tagen Eintrittskarten ins Museum kaufen, oder unterwegs einen geräucherten Hering vom Fischstand essen.
Der Urlaub war schon trotzdem schön, aber keine Fahrräder ausleihen können, keine Bustickets, das war schon zeitweilig voll anstrengend.
Bei aller Sportlichkeit und "brich den Spar-Rekord" - Wohlstand ist einfach gemütlich und super angenehm, und ohne gehts auf die Dauer eben nicht.
Obwohl ich das Glück habe, dank meiner eben so gepolten Interessenlage, trotz relativer Armut in Wohlstand zu leben, und Wohlstand meint hier etwas gefühltes - werde ich die Aktion "Mein armes Leben" von ryuu mitmachen, weil ichs einfach eine gute Sache finde. Und der Blog Action day 2008 zum Thema Armut ist eine ganz feine Gelegenheit, um damit anzufangen.
