Gestern hab ich im Fernsehen einen etwas reisserischen Beitrag zu sog. "Pro-Ana" Webseiten gesehen. "Pro-Ana" soll angeblich heissen, daß da Leute für Anorexie (Magersucht) sind. Wie schlimm diese doch wären, hiess es da (leider sind mir Sender und Titel der Sendung entfallen). Gegenseitig würde man sich in "Pro-Ana"-Foren ermuntern magersüchtig zu werden. Die Magersucht würde verherrlicht, etc.pp.
Ich also entrüstet, machte mich auf die Suche im Internet, wo denn diese ganzen Pro-Anorexie-Verherrlichungskandidatinnen seien. Und ich kam auf eine gut geschriebene Seite.
www.pro-ana-nation.com
Es stellte sich dort ganz anders dar als im Fernsehen behauptet. Den Pro-Ana-Frauen (sind mehrheitlich Frauen) ist wohl bewusst daß Anorexie eine Krankheit ist. Klar gibt es da Tips zum weniger-Essen und wie man am besten mit Magersucht überlebt, Doktoren bescheisst und die Eltern belügt, aber - ganz so schwarzweiss wie es die Fernsehsendung gern hätte ist das dann nun doch nicht.
In diesem Artikel auf Pro-ana-nation steht:
* "Pro" does not mean, "promotion of anorexia". The pro ana movement is about support, not recruitment of other women. Without sites like this one, many of those who are living with ana or mia would have absolutely no one to talk to.
Also auf deutsch: Pro heisst nicht, daß Anorexie oder Bulimie verherrlicht werden soll oder dafür geworben. Es bedeutet Unterstützung und nicht Rekrutierung von Frauen für die Magersucht. Ohne diese Seiten hätten viele die mit Magersucht oder Bulimie leben überhaupt niemanden mit dem sie reden können.
Weiter steht da, daß Pro-Ana heisst daß man sich dafür entschieden hat mit Magersucht zu leben, zumindest für vorerst. Die Pro-Ana-Bewegung sei aber nicht gegen Therapie, würde auch nicht das Krankwerden oder Krankbleiben vertreten, sondern die Entscheidung ob eine von der Magersucht loskommen möchte, bleibt ihr selbst überlassen.
Sollte man Pro-Ana-Seiten verbieten?
Die Autorin argumentiert weiter (und ganz gut wie ich finde) : In der westlichen Gesellschaft lastet gerade auf jungen Frauen ein unglaublicher Druck, dünn zu werden. Unser Schönheitsideal, die gesellschaftliche Zwangsvorstellung vom Dünnsein, die einem von allen möglichen Illustriertentiteln entgegenspringt leistet wahrscheinlich den grössten Beitrag für die erhöhte Verbreitung von Eßstörungen. Tausende von halbwüchsigen Mädchen hungern gerade jetzt, weil sie die Maße der Models erreichen wollen, die von der Modeindustrie als Ideal präsentiert werden. Ein Model wiegt im Durchschnitt 23% weniger als eine Frau die nicht modelt, und in vielen Frauenzeitschriften werden Diäten als gesund angepriesen neben den Fotos von Frauen, die ein Gewicht halten, welches 15% unter ihrem Idealgewicht liegt.
Viele der Bilder, die auf Pro-Ana-Webseiten in den "Thinspiration"-Galerien dünner Frauen gezeigt werden, stammen aus ganz normalen Frauenzeitschriften. Die Frage ob Pro-Ana-Webseiten moralisch tragbar sind und der Ruf nach deren Verbannung aus dem Internet ist angesichts dieser Propaganda für Magersucht in den Medien zumindest heuchlerisch.
...soweit meine Zusammenfassung des Artikels.
Das finde ich allerdings auch! Auf der einen Seite im Fernsehen halbverhungerte Frauen bei "Deutschland sucht das Supermodel" (oder wie diese Sendung hiess) zeigen, auf der anderen Seite sich darüber aufregen, daß es Seiten gibt wo sich Magersüchtige untereinander austauschen.
Absolut verheuchelt!
Ich fand das gestern auch beim Ansehen der "Thinspiration-Galerie" der hier erwähnten Pro-Ana-Seite schockierend, wie sehr sich das Auge schon an anorektische Knochengestelle auf den Laufstegen gewöhnt hat. Sogar mein Auge. Weil sie halt überall propagiert werden. Klar wenn mir so dünne Frauen live gegenüberstehen denke ich manchmal schon "boh man wat ein Ärmchen, nicht dagegenkommen sonst bricht das ab" - aber weichgespült und auf Hochglanz poliert in den Magazinen..
die Werbefrau von "Alice DSL" ist auch echt sehr sehr dünn..
Nachtrag:
In diesem Artikel schreibt eine ehemalige Betroffene gegen die Pro-Anorexie-Seiten. Auch ihre Sichtweise finde ich verständlich. Sicher ist es so daß der Austausch unter Eßgestörten, die nicht gesund werden wollen, den Leidensdruck mindert und sie vielleicht erst zu spät auf die Idee kommen, davon loskommen zu wollen.
Ich denke nur, Zensur auf diese Seiten ausüben zu wollen ist sinnlos, und heuchlerisch. Daß sie existieren ist angesichts des Dünnseinwahns wirklich nicht verwunderlich.
Wenn dann sollte zuerst mal die Propaganda fürs Dünnsein und Supermodels und was weiss ich net alles angegriffen werden, bevor man sich auf Magersüchtige stürzt die in essgestörten-Foren sich gegenseitig helfen ihr Leid zu verwalten.