Meine Lebensgeschichte - Kurzfassung ;)
HINWEIS: Dies ist ein ehemaliger Teameintrag
Hallo,
dies kann und soll natürlich nur eine ganz kurze Lebensgeschichte sein (na ja, oder was Aurisa halt so unter 'kurz' versteht ...).
Ich habe nicht vor, hier meine Autobiographie zu schreiben ... und anderswo auch nicht.
Also... als ich darüber nachgedacht habe, was ich hier über mein Leben schreiben soll, ist mir klar geworden, daß meine Lebensgeschichte leider vor allem eine Krankheitsgeschichte ist...
Mein Leben ist solange ich denken kann geprägt von psychischen Erkrankungen, von Ängsten, Depressionen und der Transidentität... (na gut, ob das letztere jetzt auch eine Krankheit ist oder nicht, darüber kann man sich streiten, aber das wäre eine andere Geschichte...).
Und weil ich deshalb mein ganzes Leben lang damit zu kämpfen hatte, mit diesen drei Dingen irgendwie klar zu kommen um überhaupt (weiter)leben zu können war für vieles andere, was für andere Menschen selbstverständlich ist in meinem Leben weder Zeit noch Kraft übrig...
Aber der Reihe nach...
Geboren wurde ich 1968, hier wo ich jetzt immer noch wohne, damals als Klaus, wie ihr ja wisst.
An meine Kindergartenzeit habe ich fast keine Erinnerung mehr. Die war aber meines Wissens nach noch relativ normal. Aber auch schon damals war ich relativ isoliert unter den Kinder, soweit ich weiss...
Die Hölle auf Erden begann für mich aber dann mit der Schule.
Dort war ich ein absoluter Aussenseiter und ein 'beliebtes' Opfer für Hänseleien... Bulling nennt man das heute, was in der Schule so abgeht und was im Beruf Mobbing heisst...
Warum das so war, das kann ich im nachhinein und nur auf meine unzuverlässigen und verblassten Erinnerungen angewiesen nur vermuten...
Es lag sicher teilweise daran, daß ich schon immer introvertiert und leicht verletzlich (neurotisch sagt der Fachmann...) war...
Jemand der so introvertiert ist wie ich, der hat es schwer Anschluss zu finden...
Und wer keinen Anschluss findet ist sowieso das ideale Opfer, weil er niemand hat, der ihm hilft...
Ja und wer so sensibel ist wie ich, den kann man prima fertig machen, weil er ja so leicht zu verletzen ist.. Auch darum war ich das ideale Opfer...
Inwieweit meine Transidentität da auch eine Rolle gespielt hat, ist schwer zu sagen...
Durch sie war ich immer schon anders als die anderen Jungs. Und wer irgendwie anders ist, als die anderen wird gemieden, ausgegrenzt, gemobbt... Das ist bei Kindern nicht anders als bei den Erwachsenen...
Weil die Frage häufig kommt:
Nein, ich habe mich damals noch nicht als Mädchen gefühlt. Es gibt auch Transidente, die wissen schon vor der Einschulung, daß sie kein Junge sodern eigentlich ein Mädchen sind, aber das ist leider längst nicht bei allen so früh so klar, bei mir auch nicht.
Ich habe mich aber auch nie als Junge gefühlt. Und das ist sicher auch ein Grund für meine Isolation damals. Ich gehörte nicht zu den Jungs, das spürte ich schon... aber zu den Mädchen auch nicht...
Ich wusste nur, daß ich irgendwie anders war ohne das näher benennen zu können...
Jedenfalls ging es mir seit Beginn der Grundschule einfach nur miserabel...
Und meine Noten waren dementsprechend.... Für das Lernen hatte ich schlicht keinen Kopf. Und es hat sich auch zuhause niemand darum gekümmert, daß ich beispielsweise meine Hausaufgaben mache, geschweige denn, daß jemand mit mir gelernt hätte...
Das lieblose und gleichgültige Elternhaus ist sicher auch ein Grund dafür, daß es mir von Anfang an so schlecht ging...
Auch dort bekam ich keine Hilfe. Entweder ich kam alleine mit meinem Problemen klar oder ich hatte halt Pech gehabt.
Zähne putzen, Schuhe zubinden, Schwimmen, Radfahren... all das musste ich mir beispielsweise alleine beibringen, weil ich keiner darum gekümmert hat, ob ich das kann oder nicht, und dementsprechend spät habe ich es erst gelernt...
Aber ich schweife ab...
Jedenfalls hatte ich einfach nur Angst vor den 'lieben' Mitschülern sosehr, daß ich nachts stundenlang nicht einschlafen konnte, aus Angst vor dem nächsten Schultag. Aber daß DAS der Grund für meine Schlafstörungen war, das wusste ich damals noch nicht, das wurde mir erst viel später klar...
Damals habe ich mir meine Angsstörungen eingehandelt. Ich war immer schon ein ängstlicher Typ. Ich schätze, das ist angeboren. Aber diese Sozialphobie habe ich erst seit meiner Grundschulzeit.
Ja und aus Angst davor, noch mehr verletzt zu werden, habe ich mich noch mehr in mich zurückgezogen, mich verschlossen und bin gar nicht mehr aus mir heraus gegangen...
Damals habe ich gelernt mir einen Schutzpanzer zuzulegen... mir nicht mehr anmerken zu lassen, wenn mich etwas verletzt, mich zu beherrschen und keine Gefühle mehr zu zeigen, damit man mich nicht mehr treffen kann... Aber damit habe ich natürlich gleichzeitig meine Isolation noch mehr verstärkt...
Diese Rüstung war gleichzeitig mein Schutz und mein Gefängnis...
Ach ja und von damals kommt wohl auch meine Neigung mir Kummerspeck anzufressen... was dann wieder ein Grund mehr für meine Mitschüler war, mich zu verspotten...
Was habe ich den Sportunterricht gehasst, wo ich wegen meinem Übergewicht immer Ziel meiner Mitschüler war... Der Sport war das schlimmste von allen...
Ja und wegen all dem landete ich schließlich auf der Hauptschule, obwohl ich ganz sicher nicht dumm bin...
Auch dort ging es zunächst so weiter für mich, aber allmählich bahnte sich die Wende an...
Ich lernte dort, daß Lernen Freude machen kann und in der Folge verbesserte sich mein Notenschnitt von 4,0 im fünften Schuljahr auf 2,1 im neunten Jahr... trotz weiter miserabler Sportnoten...
Und damit konnte ich auf die Realschule gehen um die mittlere Reife nachzuholen...
Und dort ging es mir fast von heute auf morgen viel besser. Die Schlafstörungen waren innerhalb weniger Wochen verschwunden, für immer... weil mich dort niemand kannt und niemand plagte...
Dort konnte ich neu Anfangen... Für mich war das fast wie ein neues Leben...
Die Realschulzeit und danach die Zeit auf dem Gymnasium waren im Nachhinein gesehen fast problemlose Zeiten und die besten meines Lebens...
Aber das war nur die Ruhe vor dem Sturm... denn wie ich heute weiss, waren meine Probleme ja nicht gelöst. Auch weiter hatte ich keine richtigen Freunde, weil ich nie gelernt hatte aus mir heraus zu und auf andere Menschen zuzugehen. Stattdessen hatte ich in der Grund- und Hauptschule das genau Gegenteil gelernt, nämlich mich zu verschliessen. Und wenn man Auster spielt ist es sehr schwer Freunde zu finden... von einer Partnerschaft ganz zu schweigen...
Ich habe mich damals übrigens überhaupt nicht für Männer interessiert, sondern ausschließlich für Frauen. Die Frage ob ich vielleicht homosexuell bin, habe ich mir selber in diesem Alter gestellt, weil ich schon merkte, daß ich irgendwie anders bin als die anderen Jungen. Aber diese Frage konnte ich eindeutig mit nein beantworten.
Aber ich eine Frau hätte ich niemals angesprochen... Dafür war ich viel zu ängstlich und verschlossen... Und für mich hat sich nie eine interessiert und so blieb ich nicht nur ohne Freunde sondern auch ohne Beziehung... Ich habe auch nie mit einer Frau (oder einem Mann) geschlafen oder auch nur jemand geküsst, nicht mal das... Freunde habe ich inzwischen aber alles andere bis heute nicht...
Ach ja, in der Zeit habe ich (vermutlich 1984) auch zum ersten mal was von Transsexualität gehört und hatte sofort das Gefühl 'Das ist es!'. Aber da ich mir damals beim besten Willen nicht vorstellen konnte, daß ich jemals als Frau würde leben können, bzw. daß man mich als Frau würde leben lassen - wie sollte ein solches angstgeplagtes Sensibelchen wie ich, das damals heilfroh war der Mitschüler-Höllen entkommen zu sein, erst mit dem Hohn und Spott der Mitmenschen leben, wenn ich versucht hätte als Frau zu leben - verdrängte ich den Gedanken daran wohl oder übel wieder...
Immerhin war ich in der Realschule und im Gymnasium in der Klasse eingebunden und akzeptiert.
Dadurch hatte ich immer ein bisschen menschliche Kontakte.
Aber damit war es schlagartig vorbei, als ich nach dem Abitur studieren ging...
Das war ein böser Fehler... Ich hätte nicht an die Uni gehen sollen, sondern an eine Fachhochschule. Soweit ich weiss ist dort der Unterricht viel mehr verschult. Dort währe ich nicht so mutterseelenallein gewesen wie im Studium, wo ich mit meinen massiven Kontaktschwierigkeiten wirklich gar keine Kontakte mehr hatte... Dazu kam noch erschwerend dazu, daß man in der Schule auch nicht lernt selbständig zu lernen, was mir auch alles andere als leicht fällt... Und natürlich hatte ich niemand, den ich irgendetwas fragen konnte, wenn ich Probleme hatte...
Die Folge war, daß ich langsam aber sicher in die Depression abrutschte... Und damit ging dann im Studium natürlich gar nichts mehr...
Ich habe dann, weil ich nicht mehr weiter wusste auch das Studium gewechselt - mehrfach...
Geholfen hat das natürlich auch nicht gegen die Depressionen und die Einsamkeit...
Irgendwann ging dann gar nichts mehr... Ich wusste nicht mehr, wie es noch weitergehen sollte....
Was für einen Sinn sollte mein Leben noch haben... Wozu sollte ich so alleine noch weiterleben... nur für weitere Jahrzehnte Einsamkeit bis zum Tod...?
Damals muss ich wohl so 25 gewesen sein, als ich an dem Punkt war, entweder ich mache jetzt schluss... oder ich ändere etwas ganz grundsätzliches an meinem Leben... So wie es bis dahin war konnte ich es nicht noch länger ertragen...
Also habe ich mich in dieser Nacht gefragt, was ich in meinem Leben so furchtbar schief gelaufen ist...
Und ich bin zu dem Schluss gekommen, daß ich zwei Dinge ändern muss in meinem Leben, wenn es besser werden soll. In dieser Nacht habe ich mir vorgenommen:
*zu kämpfen und nicht wie bisher so oft zu schnell aufzugeben...
*und mich zu öffnen, mit den Menschen, die mir wichtig sind über meine Probleme zu reden...
Und an diese Vorsätze habe ich mich gehalten... bis heute...
Ja und (spätestens) an der Stelle kommt Auris in's Spiel...
Wer den Eintrag 'Auris und Aurisa' hier im Klaudia-Blog gelesen hat, der wird sich vielleicht daran erinnern, daß ich ihr - schon einige Jahre VOR dieser Nacht (!) - genau diese beiden Eigenschaften mitgegeben habe, als ich sie mir ausgedacht habe...
*zu kämpfen
*und sich anderen Mensche öffnen zu können...
Damals hatte ich ihr unbewusst genau die Fähigkeiten gegeben, von denen mir erst jahre später bewusst wurde, daß ich sie dringend für mein Leben brauchte...
Durch sie hatte ich beides jahrleang im Fantasy-Rollenspiel ausleben und ausprobieren können.
All das wurde mir nach dieser Nacht langsam klar...
Und wenn Auris mir anfangs unbewusst ein Vorbild und eine Hilfe war, so kann ich sie ganz bewusst dafür einsetzen mir zu helfen, seit mir das klar geworden ist.
In der Zeit danach ging es mir vielleicht nicht gut, aber auf jeden Fall deutlich besser als in den Jahren davor...
Da gäbe es noch viel zu erzählen, aber das ist eine andere und zu lange und sehr persönliche Geschichte, die bisher darum nur ganz wenige hier kennen...
Vielleicht erzähle ich sie ein andermal...
Von damals stammt auch mein Entschluss es doch zu wagen als Frau leben zu wollen, aber auch das gehört zu der anderen Geschichte...
Jedenfalls ging es mir nach dieser Nacht 2 1/2 Jahre besser... bis jemand starb, der damals der wichtigste Mensch für mich in meinem Leben war...
Danach begann für mich dann die zweite Hölle auf Erden, die tatsächlich noch schlimmer war als die erste, die Depri-Hölle...
Der Verlust dieses Menschen wäre schon schlimm genug gewesen, aber dadurch habe ich mich nach dem warum gefragt... dem großen WARUM sozusagen... der Frage nach dem Sinn von allem...
Und die einzige Antwort, die ich finden konnte war, daß es kein warum gibt, daß es keinen Plan hinter all dem gibt, keinen Gott, kein Schicksal, keinen Sinn, keine unsterbliche Seele, die nach dem Tode weiterlebt...
Und damit ist mir die Basis für mein Leben unter den Füssen zerbrochen und zerbröselt, bis nur noch Staub übrig war davon...
Ich war zwar nie so wahnsinnig gläubig, aber es war doch immer ein wenig Glaube und Hoffnung da, daß da doch mehr ist als nur das materielle um uns herum...
Von diesem Glauben ist danach nichts mehr übrig geblieben und darum machte für mich nichts mehr einen Sinn... Wozu auch leben wenn alles nur Zufall ist und keine tiefere Bedeutung hat...
Fast drei Jahre haben diese tiefen Depressionen gedauert...
Und wieder war es Auris die mir da raus geholfen hat... und der Wunsch und die Hoffnung doch irgendwann in der Zukunft als Frau leben zu können...
Das erste was ich gemacht habe um etwas gegen die Depressionen zu unternehmen war dann auch mir das Schminken beibringen zu lassen. Von damals sind die drei Bilder von 1998 im Fotoblog...
Außerdem habe ich damals dann in einem Volkshochschulkurs auch meinen späteren Therapeuten kennengelernt, der mich so von 1999 bis 2001 begleitet hat und diese Verhaltenstherapie war auch sehr wichtig für mich...
In dieser Zeit habe ich mein Studium wieder aufgenommen und ich habe angefangen als Frau auszugehen, aber noch nur außerhalb meines Heimatortes...
Doch dann 2001, als die Therapie fast schon zuende war, und es mir wieder recht gut ging, kam der nächste Tiefschlag... Bei mir wurde eingebrochen und das hat mich sehr zurückgeworfen...
Mehr will ich hier dazu gar nicht schreiben...
Erst Anfang 2003 war ich dann in der Lage wieder voranzukommen... auch da erst nachdem es mir so schlecht ging, daß ich wusste, so kann es nicht weitergehen und daß ich entweder etwas ändern oder schluss machen muss, weil es nicht mehr zu ertragen war...
Also begann ich damals die Geschlechtsangleichung endlich ernsthaft anzugehen.
Vorher hatten mir sowohl die nötigen Informationen als auch die Kraft dazu gefehlt.
Aber jetzt endlich ging es... Ich suchte mir meine Gutachter und stellte bei Gericht den Antrag auf Vornamensänderung...
Und kurz darauf kam ich dann zu 20six, wo ich gleich wieder das Gefühl hatte 'Das ist es!', nämlich das richtige für mich. Und das Gefühl hat mich nicht getrogen ...
Der Rest der Geschichte ist (mehr oder weniger) bekannt...
Inzwischen heisse ich seit Juli 2004 auch offiziell Klaudia Cornelia Aurisa, nehme ungefähr genauso lange Hormone und wenn nichts dazwischen kommt wird im November meine Operation sein.
Dann wird mein unfreiwilliges Leben als 'Mann' endgültig Vergangenheit sein...
Die Ängste und Depressionen habe - dank Auris - überwunden. Meinem Leben konnte ich für mich wieder einen Sinn geben. Und mit der Transidentität habe ich zu leben gelernt.
So, jetzt habe ich erwartungsgemäß doch wieder ziemlich viel geschrieben... und doch vieles ausgelassen...
Also falls ihr noch Fragen habt, nur zu.
Viele Grüßle
Aurisa
EDIT:
Da es sich hier um einen alten 20six-Eintrag handelt, sind ein paar Dinge nicht mehr ganz aktuell:
*Was es mit Auris und Aurisa auf sich hat muss ich hier demnächst erst noch erklären...
*Und die Operation im letzten November habe ich ja erstmal abgesagt... Ob ich sie dieses Jahr doch noch machen lasse ist derzeit noch offen...
LINKS:
*Zum Blog-Starteintrag:
http://aurisa.twoday.net/stories/1504914/comment
Hallo,
dies kann und soll natürlich nur eine ganz kurze Lebensgeschichte sein (na ja, oder was Aurisa halt so unter 'kurz' versteht ...).
Ich habe nicht vor, hier meine Autobiographie zu schreiben ... und anderswo auch nicht.
Also... als ich darüber nachgedacht habe, was ich hier über mein Leben schreiben soll, ist mir klar geworden, daß meine Lebensgeschichte leider vor allem eine Krankheitsgeschichte ist...
Mein Leben ist solange ich denken kann geprägt von psychischen Erkrankungen, von Ängsten, Depressionen und der Transidentität... (na gut, ob das letztere jetzt auch eine Krankheit ist oder nicht, darüber kann man sich streiten, aber das wäre eine andere Geschichte...).
Und weil ich deshalb mein ganzes Leben lang damit zu kämpfen hatte, mit diesen drei Dingen irgendwie klar zu kommen um überhaupt (weiter)leben zu können war für vieles andere, was für andere Menschen selbstverständlich ist in meinem Leben weder Zeit noch Kraft übrig...
Aber der Reihe nach...
Geboren wurde ich 1968, hier wo ich jetzt immer noch wohne, damals als Klaus, wie ihr ja wisst.
An meine Kindergartenzeit habe ich fast keine Erinnerung mehr. Die war aber meines Wissens nach noch relativ normal. Aber auch schon damals war ich relativ isoliert unter den Kinder, soweit ich weiss...
Die Hölle auf Erden begann für mich aber dann mit der Schule.
Dort war ich ein absoluter Aussenseiter und ein 'beliebtes' Opfer für Hänseleien... Bulling nennt man das heute, was in der Schule so abgeht und was im Beruf Mobbing heisst...
Warum das so war, das kann ich im nachhinein und nur auf meine unzuverlässigen und verblassten Erinnerungen angewiesen nur vermuten...
Es lag sicher teilweise daran, daß ich schon immer introvertiert und leicht verletzlich (neurotisch sagt der Fachmann...) war...
Jemand der so introvertiert ist wie ich, der hat es schwer Anschluss zu finden...
Und wer keinen Anschluss findet ist sowieso das ideale Opfer, weil er niemand hat, der ihm hilft...
Ja und wer so sensibel ist wie ich, den kann man prima fertig machen, weil er ja so leicht zu verletzen ist.. Auch darum war ich das ideale Opfer...
Inwieweit meine Transidentität da auch eine Rolle gespielt hat, ist schwer zu sagen...
Durch sie war ich immer schon anders als die anderen Jungs. Und wer irgendwie anders ist, als die anderen wird gemieden, ausgegrenzt, gemobbt... Das ist bei Kindern nicht anders als bei den Erwachsenen...
Weil die Frage häufig kommt:
Nein, ich habe mich damals noch nicht als Mädchen gefühlt. Es gibt auch Transidente, die wissen schon vor der Einschulung, daß sie kein Junge sodern eigentlich ein Mädchen sind, aber das ist leider längst nicht bei allen so früh so klar, bei mir auch nicht.
Ich habe mich aber auch nie als Junge gefühlt. Und das ist sicher auch ein Grund für meine Isolation damals. Ich gehörte nicht zu den Jungs, das spürte ich schon... aber zu den Mädchen auch nicht...
Ich wusste nur, daß ich irgendwie anders war ohne das näher benennen zu können...
Jedenfalls ging es mir seit Beginn der Grundschule einfach nur miserabel...
Und meine Noten waren dementsprechend.... Für das Lernen hatte ich schlicht keinen Kopf. Und es hat sich auch zuhause niemand darum gekümmert, daß ich beispielsweise meine Hausaufgaben mache, geschweige denn, daß jemand mit mir gelernt hätte...
Das lieblose und gleichgültige Elternhaus ist sicher auch ein Grund dafür, daß es mir von Anfang an so schlecht ging...
Auch dort bekam ich keine Hilfe. Entweder ich kam alleine mit meinem Problemen klar oder ich hatte halt Pech gehabt.
Zähne putzen, Schuhe zubinden, Schwimmen, Radfahren... all das musste ich mir beispielsweise alleine beibringen, weil ich keiner darum gekümmert hat, ob ich das kann oder nicht, und dementsprechend spät habe ich es erst gelernt...
Aber ich schweife ab...
Jedenfalls hatte ich einfach nur Angst vor den 'lieben' Mitschülern sosehr, daß ich nachts stundenlang nicht einschlafen konnte, aus Angst vor dem nächsten Schultag. Aber daß DAS der Grund für meine Schlafstörungen war, das wusste ich damals noch nicht, das wurde mir erst viel später klar...
Damals habe ich mir meine Angsstörungen eingehandelt. Ich war immer schon ein ängstlicher Typ. Ich schätze, das ist angeboren. Aber diese Sozialphobie habe ich erst seit meiner Grundschulzeit.
Ja und aus Angst davor, noch mehr verletzt zu werden, habe ich mich noch mehr in mich zurückgezogen, mich verschlossen und bin gar nicht mehr aus mir heraus gegangen...
Damals habe ich gelernt mir einen Schutzpanzer zuzulegen... mir nicht mehr anmerken zu lassen, wenn mich etwas verletzt, mich zu beherrschen und keine Gefühle mehr zu zeigen, damit man mich nicht mehr treffen kann... Aber damit habe ich natürlich gleichzeitig meine Isolation noch mehr verstärkt...
Diese Rüstung war gleichzeitig mein Schutz und mein Gefängnis...
Ach ja und von damals kommt wohl auch meine Neigung mir Kummerspeck anzufressen... was dann wieder ein Grund mehr für meine Mitschüler war, mich zu verspotten...
Was habe ich den Sportunterricht gehasst, wo ich wegen meinem Übergewicht immer Ziel meiner Mitschüler war... Der Sport war das schlimmste von allen...
Ja und wegen all dem landete ich schließlich auf der Hauptschule, obwohl ich ganz sicher nicht dumm bin...
Auch dort ging es zunächst so weiter für mich, aber allmählich bahnte sich die Wende an...
Ich lernte dort, daß Lernen Freude machen kann und in der Folge verbesserte sich mein Notenschnitt von 4,0 im fünften Schuljahr auf 2,1 im neunten Jahr... trotz weiter miserabler Sportnoten...
Und damit konnte ich auf die Realschule gehen um die mittlere Reife nachzuholen...
Und dort ging es mir fast von heute auf morgen viel besser. Die Schlafstörungen waren innerhalb weniger Wochen verschwunden, für immer... weil mich dort niemand kannt und niemand plagte...
Dort konnte ich neu Anfangen... Für mich war das fast wie ein neues Leben...
Die Realschulzeit und danach die Zeit auf dem Gymnasium waren im Nachhinein gesehen fast problemlose Zeiten und die besten meines Lebens...
Aber das war nur die Ruhe vor dem Sturm... denn wie ich heute weiss, waren meine Probleme ja nicht gelöst. Auch weiter hatte ich keine richtigen Freunde, weil ich nie gelernt hatte aus mir heraus zu und auf andere Menschen zuzugehen. Stattdessen hatte ich in der Grund- und Hauptschule das genau Gegenteil gelernt, nämlich mich zu verschliessen. Und wenn man Auster spielt ist es sehr schwer Freunde zu finden... von einer Partnerschaft ganz zu schweigen...
Ich habe mich damals übrigens überhaupt nicht für Männer interessiert, sondern ausschließlich für Frauen. Die Frage ob ich vielleicht homosexuell bin, habe ich mir selber in diesem Alter gestellt, weil ich schon merkte, daß ich irgendwie anders bin als die anderen Jungen. Aber diese Frage konnte ich eindeutig mit nein beantworten.
Aber ich eine Frau hätte ich niemals angesprochen... Dafür war ich viel zu ängstlich und verschlossen... Und für mich hat sich nie eine interessiert und so blieb ich nicht nur ohne Freunde sondern auch ohne Beziehung... Ich habe auch nie mit einer Frau (oder einem Mann) geschlafen oder auch nur jemand geküsst, nicht mal das... Freunde habe ich inzwischen aber alles andere bis heute nicht...
Ach ja, in der Zeit habe ich (vermutlich 1984) auch zum ersten mal was von Transsexualität gehört und hatte sofort das Gefühl 'Das ist es!'. Aber da ich mir damals beim besten Willen nicht vorstellen konnte, daß ich jemals als Frau würde leben können, bzw. daß man mich als Frau würde leben lassen - wie sollte ein solches angstgeplagtes Sensibelchen wie ich, das damals heilfroh war der Mitschüler-Höllen entkommen zu sein, erst mit dem Hohn und Spott der Mitmenschen leben, wenn ich versucht hätte als Frau zu leben - verdrängte ich den Gedanken daran wohl oder übel wieder...
Immerhin war ich in der Realschule und im Gymnasium in der Klasse eingebunden und akzeptiert.
Dadurch hatte ich immer ein bisschen menschliche Kontakte.
Aber damit war es schlagartig vorbei, als ich nach dem Abitur studieren ging...
Das war ein böser Fehler... Ich hätte nicht an die Uni gehen sollen, sondern an eine Fachhochschule. Soweit ich weiss ist dort der Unterricht viel mehr verschult. Dort währe ich nicht so mutterseelenallein gewesen wie im Studium, wo ich mit meinen massiven Kontaktschwierigkeiten wirklich gar keine Kontakte mehr hatte... Dazu kam noch erschwerend dazu, daß man in der Schule auch nicht lernt selbständig zu lernen, was mir auch alles andere als leicht fällt... Und natürlich hatte ich niemand, den ich irgendetwas fragen konnte, wenn ich Probleme hatte...
Die Folge war, daß ich langsam aber sicher in die Depression abrutschte... Und damit ging dann im Studium natürlich gar nichts mehr...
Ich habe dann, weil ich nicht mehr weiter wusste auch das Studium gewechselt - mehrfach...
Geholfen hat das natürlich auch nicht gegen die Depressionen und die Einsamkeit...
Irgendwann ging dann gar nichts mehr... Ich wusste nicht mehr, wie es noch weitergehen sollte....
Was für einen Sinn sollte mein Leben noch haben... Wozu sollte ich so alleine noch weiterleben... nur für weitere Jahrzehnte Einsamkeit bis zum Tod...?
Damals muss ich wohl so 25 gewesen sein, als ich an dem Punkt war, entweder ich mache jetzt schluss... oder ich ändere etwas ganz grundsätzliches an meinem Leben... So wie es bis dahin war konnte ich es nicht noch länger ertragen...
Also habe ich mich in dieser Nacht gefragt, was ich in meinem Leben so furchtbar schief gelaufen ist...
Und ich bin zu dem Schluss gekommen, daß ich zwei Dinge ändern muss in meinem Leben, wenn es besser werden soll. In dieser Nacht habe ich mir vorgenommen:
*zu kämpfen und nicht wie bisher so oft zu schnell aufzugeben...
*und mich zu öffnen, mit den Menschen, die mir wichtig sind über meine Probleme zu reden...
Und an diese Vorsätze habe ich mich gehalten... bis heute...
Ja und (spätestens) an der Stelle kommt Auris in's Spiel...
Wer den Eintrag 'Auris und Aurisa' hier im Klaudia-Blog gelesen hat, der wird sich vielleicht daran erinnern, daß ich ihr - schon einige Jahre VOR dieser Nacht (!) - genau diese beiden Eigenschaften mitgegeben habe, als ich sie mir ausgedacht habe...
*zu kämpfen
*und sich anderen Mensche öffnen zu können...
Damals hatte ich ihr unbewusst genau die Fähigkeiten gegeben, von denen mir erst jahre später bewusst wurde, daß ich sie dringend für mein Leben brauchte...
Durch sie hatte ich beides jahrleang im Fantasy-Rollenspiel ausleben und ausprobieren können.
All das wurde mir nach dieser Nacht langsam klar...
Und wenn Auris mir anfangs unbewusst ein Vorbild und eine Hilfe war, so kann ich sie ganz bewusst dafür einsetzen mir zu helfen, seit mir das klar geworden ist.
In der Zeit danach ging es mir vielleicht nicht gut, aber auf jeden Fall deutlich besser als in den Jahren davor...
Da gäbe es noch viel zu erzählen, aber das ist eine andere und zu lange und sehr persönliche Geschichte, die bisher darum nur ganz wenige hier kennen...
Vielleicht erzähle ich sie ein andermal...
Von damals stammt auch mein Entschluss es doch zu wagen als Frau leben zu wollen, aber auch das gehört zu der anderen Geschichte...
Jedenfalls ging es mir nach dieser Nacht 2 1/2 Jahre besser... bis jemand starb, der damals der wichtigste Mensch für mich in meinem Leben war...
Danach begann für mich dann die zweite Hölle auf Erden, die tatsächlich noch schlimmer war als die erste, die Depri-Hölle...
Der Verlust dieses Menschen wäre schon schlimm genug gewesen, aber dadurch habe ich mich nach dem warum gefragt... dem großen WARUM sozusagen... der Frage nach dem Sinn von allem...
Und die einzige Antwort, die ich finden konnte war, daß es kein warum gibt, daß es keinen Plan hinter all dem gibt, keinen Gott, kein Schicksal, keinen Sinn, keine unsterbliche Seele, die nach dem Tode weiterlebt...
Und damit ist mir die Basis für mein Leben unter den Füssen zerbrochen und zerbröselt, bis nur noch Staub übrig war davon...
Ich war zwar nie so wahnsinnig gläubig, aber es war doch immer ein wenig Glaube und Hoffnung da, daß da doch mehr ist als nur das materielle um uns herum...
Von diesem Glauben ist danach nichts mehr übrig geblieben und darum machte für mich nichts mehr einen Sinn... Wozu auch leben wenn alles nur Zufall ist und keine tiefere Bedeutung hat...
Fast drei Jahre haben diese tiefen Depressionen gedauert...
Und wieder war es Auris die mir da raus geholfen hat... und der Wunsch und die Hoffnung doch irgendwann in der Zukunft als Frau leben zu können...
Das erste was ich gemacht habe um etwas gegen die Depressionen zu unternehmen war dann auch mir das Schminken beibringen zu lassen. Von damals sind die drei Bilder von 1998 im Fotoblog...
Außerdem habe ich damals dann in einem Volkshochschulkurs auch meinen späteren Therapeuten kennengelernt, der mich so von 1999 bis 2001 begleitet hat und diese Verhaltenstherapie war auch sehr wichtig für mich...
In dieser Zeit habe ich mein Studium wieder aufgenommen und ich habe angefangen als Frau auszugehen, aber noch nur außerhalb meines Heimatortes...
Doch dann 2001, als die Therapie fast schon zuende war, und es mir wieder recht gut ging, kam der nächste Tiefschlag... Bei mir wurde eingebrochen und das hat mich sehr zurückgeworfen...
Mehr will ich hier dazu gar nicht schreiben...
Erst Anfang 2003 war ich dann in der Lage wieder voranzukommen... auch da erst nachdem es mir so schlecht ging, daß ich wusste, so kann es nicht weitergehen und daß ich entweder etwas ändern oder schluss machen muss, weil es nicht mehr zu ertragen war...
Also begann ich damals die Geschlechtsangleichung endlich ernsthaft anzugehen.
Vorher hatten mir sowohl die nötigen Informationen als auch die Kraft dazu gefehlt.
Aber jetzt endlich ging es... Ich suchte mir meine Gutachter und stellte bei Gericht den Antrag auf Vornamensänderung...
Und kurz darauf kam ich dann zu 20six, wo ich gleich wieder das Gefühl hatte 'Das ist es!', nämlich das richtige für mich. Und das Gefühl hat mich nicht getrogen ...
Der Rest der Geschichte ist (mehr oder weniger) bekannt...
Inzwischen heisse ich seit Juli 2004 auch offiziell Klaudia Cornelia Aurisa, nehme ungefähr genauso lange Hormone und wenn nichts dazwischen kommt wird im November meine Operation sein.
Dann wird mein unfreiwilliges Leben als 'Mann' endgültig Vergangenheit sein...
Die Ängste und Depressionen habe - dank Auris - überwunden. Meinem Leben konnte ich für mich wieder einen Sinn geben. Und mit der Transidentität habe ich zu leben gelernt.
So, jetzt habe ich erwartungsgemäß doch wieder ziemlich viel geschrieben... und doch vieles ausgelassen...
Also falls ihr noch Fragen habt, nur zu.
Viele Grüßle
Aurisa
EDIT:
Da es sich hier um einen alten 20six-Eintrag handelt, sind ein paar Dinge nicht mehr ganz aktuell:
*Was es mit Auris und Aurisa auf sich hat muss ich hier demnächst erst noch erklären...
*Und die Operation im letzten November habe ich ja erstmal abgesagt... Ob ich sie dieses Jahr doch noch machen lasse ist derzeit noch offen...
LINKS:
*Zum Blog-Starteintrag:
http://aurisa.twoday.net/stories/1504914/comment
Aurisa - 9. Feb, 17:18
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