[go: up one dir, main page]

FM4-Logo

jetzt live:

Aktueller Musiktitel:

Nemo Arthouse Fotoshoot

Alex Ostrohliad

musik

Ins „Arthouse“ einziehen und sich daheim fühlen mit Nemos erstem Album

Anderthalb Jahre nach dem Sieg beim ESC 2024 veröffentlicht Nemo endlich das Debüt-Album „Arthouse“. Ein queerer Gegenentwurf zum Mainstream-Pop und intimer Einblick in die Selbstfindung einer kompromisslos authentischen Persönlichkeit.

Von Alica Ouschan

Genau zehn Jahre nach dem monumentalen Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Songcontest 2014, setzt erneut eine queere Person einen wichtigen und längst überfälligen Meilenstein für die Community beim größten Musikwettbewerb Europas. Nemo aus der Schweiz, nicht-binär, unglaublich talentiert und sympathisch holt mit dem musikalisch völlig aus der Reihe tanzenden Meisterwerk „The Code“ den Sieg für die Schweiz.

Direkt bei der Pressekonferenz im Anschluss nach der Verkündung spricht Nemo über Sichtbarkeit, rechtliche Gleichstellung und Anerkennung von genderqueeren Personen. Nicht etwa, weil Nemo deren Identität unbedingt zum Politikum machen will, sondern weil they in einer Welt aufgewachsen ist, in der queere Identitäten ständig um ihre Existenzberechtigung bangen und kämpfen müssen.

Ein Ort für alle

Vielleicht ist es ja deshalb seit jeher so, dass es viele queere Menschen zur Kunst hinzieht - weil Kunst immer noch der Ort ist, wo alles existieren darf. Dieser Gedanke liegt auch dem Konzept von Nemos Debüt-Album zugrunde, das nun etwa anderthalb Jahre nach deren Sieg beim ESC endlich das Licht der Welt erblickt hat. „Arthouse“ ist, wie der Name schon verspricht, tatsächlich mehr (Gesamt-)Kunstwerk als musikalisches Debüt: „Für mich ist es ein Ort in meinem Kopf. Das Kunsthaus, das ich mir selbst in Gedanken gebaut habe.“, sagt Nemo im FM4 Interview.

Albumcover "Arthouse"

Universal Music

Arthouse von Nemo ist bei Universal Music erschienen.

„Es soll auch ein Ort für die Menschen sein, die mit dem Album in Kontakt kommen. Einer, der neue Perspektiven bietet. So ein Ort, den wir uns alle wünschen, wo alle zusammenkommen und alle willkommen sind.“, - klingt unfassbar wholesome und gleichzeitig viel zu utopisch. Vielleicht ist es aber auch eher die Antwort auf die Frage, welche Art Musik die Welt gerade braucht. Gerade wenn die Welt um uns zerfällt und besonders queere Menschen überall um ihre wenigen, hart erkämpften Rechte fürchten müssen, kann so ein Album, das gleichzeitig visuell, wie auch musikalisch einen Safer-Space verkörpert, dabei helfen das Träumen nicht aufzugeben.

Ein Gegenentwurf zum Mainstream, das ist die Bedeutung die eigentlich hinter dem Begriff „Arthouse“ steckt: „Das kommt ja eigentlich aus dem Film.“, erklärt Nemo. „Ich finde Arthouse-Filme faszinierend. Für mich ist mein Album ein Pendant dazu - einen Weg neben dem Mainstream anzubieten und damit die aktuelle Popmusik ein bisschen zu challengen.“ Arthouse als Anti-Popmusik Genre also?

Queerness ist kein Show-Element

Bei dieser Beschreibung ergeben sich schnell Assoziationen zu anderen Künstler:innen. Lady Gaga fällt einem da sofort ein. Inspirieren lassen hat Nemo sich für dieses Album aber vor allem von Musikschaffenden aus früheren Jahrzehnten, wie Bowie, Mercury oder Prince, die in ihrem Auftreten stark mit Genderexpression gespielt haben und dafür auch gefeiert wurden: „In den Augen der Leute war das halt einfach so ein Show-Ding.“, sagt Nemo. „Alles was in Musik, Show und Kunst stattgefunden hat, brauchte man nicht zu definieren, da gibt’s ja eh keine Regeln. Aber wenn es außerhalb davon stattfindet ist es schon problematisch.“

Was damals ikonisiert wurde, ist heute oftmals Grund für Anfeindungen. „Ich versuche ja eigentlich nur mich selbst auszudrücken - ich will niemandem schaden.“, sagt Nemo. „Aber es triggert die Leute, weil es mit meiner Identität gekoppelt ist und eben nicht nur ein Show-Element.“ Ob es sich bei den erwähnten Künstler:innen tatsächlich nur um Show-Elemente gehandelt hat oder es vielleicht auch ein Ausdruck ihres Selbst war, kann niemand außer sie selbst wissen.

Zumal es viel schwieriger war als heute, über Gender Identity zu sprechen - nicht nur aufgrund der queerfeindlichen Gesellschaft. Begriffe wie „non-binary“ oder „trans“ gab es in der allgemeinen Wahrnehmung noch nicht. Aussagen zu ihrer Sexualität oder Identität wurden diesen Künstler:innen mehrfach abgesprochen oder als Teil ihrer Kunstfigur abgetan. „Da sind wir heute im Vergleich schon viel weiter. Ich glaube trotzdem, dass viele Leute die mich heute haten - nur wegen der Person, die ich bin - vielleicht damals Fans von Prince oder Freddie Mercury gewesen wären.“ Oder es vielleicht heute sogar noch sind.

Ist Nemo eine Kunstfigur?

Eine Bezeichnung mit der Nemos Musik gern versehen wird ist „Drama-Pop“. Nun impliziert der Begriff „Drama“ ja immer irgendwo eine Form der Inszenierung, der Illusion, der Übertreibung, ja sogar Unechtheit. Gleichzeitig vermittelt einem Nemo sowohl im direkten Gespräch, als auch schon damals während der unvergesslichen Performance beim ESC das absolute Gegenteil. Nemo ist immer authentisch, nahbar, ehrlich und steht kompromisslos zu sich selbst. Es scheint wie ein fast unmöglicher Spagat zwischen dramatisch inszenierter Kunstfigur und ungefilterter (Privat-)Persönlichkeit - wo beginnt das eine, wo hört das andere auf?

„Wenn man mit einem Namen wie ‚Nemo‘ aufwächst stellt sich oft diese Frage, vor allem seit ich das Musikprojekt angefangen habe und nicht mehr nur Nemo als Person sondern auch Nemo als Kunstfigur bin.“, erklärt Nemo. „Die ganze Zeit lebe ich mit der Frage: ‚Wer bin ich? Bin ich mehr das Kunstprojekt oder ich selbst?‘ Ich glaube eigentlich unterscheidet sich das gar nicht so sehr, nur, dass die Kunstfigur Nemo die Essenz mehr auf den Punkt bringt. Vielleicht bin das einfach ich an einem besonders interessanten Tag“, Nemo überlegt kurz: „Aber eigentlich mache ich mir darüber gar nicht so viele Gedanken, weil vieles einfach natürlich kommt.“

Wenn dieser Gedanke noch etwas weitergesponnen werden will, steckt man gleich tief drinnen in der Queer-Theorie. Während sich viele Künstler:innen ihr Alter-Ego für die Bühne erst mühsam erarbeiten, sich genau überlegen was von sich sie wie der Welt präsentieren wollen, machen genderqueere Menschen das meist schon ihr Leben lang. Nur eben genau umgekehrt. Viele mussten sich in einigen Lebensbereichen verstecken, eine andere Rolle spielen und diese tagtäglich überzeugend performen.

Nemo Arthouse Fotoshoot

Alex Ostrohliad

„Als queere Person aufzuwachsen heißt ständig damit konfrontiert zu werden, dass man nicht reinpasst.“, sagt Nemo. „Das kann dazu führen, dass man versucht Wege zu finden um mehr reinzupassen.“ Kunst also als Hilfe dabei, sich davon loszumachen und sich der Person anzunähern die man tief drinnen ist, die aber dermaßen nicht reinpasst, dass sie in der Außenwahrnehmung nur als Kunstfigur gesehen werden kann?

It’s queer culture!

Das würde auch teilweise erklären, weshalb sich immer noch so viele Menschen daran stören, dass immer mehr queere Personen aufhören sich anzupassen und stattdessen loud and proud zu sich selbst stehen. „Ich mache mir selten Gedanken dazu, wie oder ob ich mich kleiner machen könnte, sondern eher wie ich noch mehr zu mir selbst finden kann. Wie kann ich noch lauter werden? Mich selbst in mir noch wohler fühlen und das ausstrahlen?“ Klingt vielleicht wieder kitschig und utopisch, aber manchmal muss man eben wirklich loslassen, um frei sein zu können.

Freiheit, Euphorie und Hemmungslosigkeit - das sind auch genau die Gefühle, die Nemo mit deren Musik auf „Arthouse“ auslöst. Auf der ersten Hälfte der Platte jagt eine queere Club-Hymne die nächste, Tracks wie „Ride My Baby“ oder „God’s A Raver“ klingen wie für die Pride Parade geschrieben. Dabei aber weder gewollt noch aufgesetzt, sondern einfach nach purer queer joy.

Auch das ein oder andere Easter Egg für die Queers hat Nemo ziemlich clever eingestreut (Frösche? Queer Culture!) und auch die balladigen Nummern haben immer eine enorm befreiende, losgelöste Komponente - auch wenn sie zugegebenermaßen stellenweise durchaus etwas dramatisch sind. Aber auch das ist eben einfach queer culture. Mit dem ersten Album nach dem ESC-Sieg erschafft Nemo ein spannendes und gleichermaßen wichtiges Werk, nicht nur für sich selbst in der nie endenden Reise der Self Discovery, sondern gleichermaßen für die queere Commmunity.

mehr Musik:

Aktuell: