Tim Cupal im Gespräch zu Israels Song Contest Teilnahme
Der Eurovision Song Contest beschäftigt uns auch noch die Tage danach. Derzeit gibt es viel Diskussion, um die Teilnahme Israels, wie es sie auch in den vergangenen Jahren schon öfter gab. Der israelische Song hat beim ESC 2025 den zweiten Platz belegt und im Televoting sogar den ersten Platz. Viele Menschen fragen sich nun, wie Israel so ein hohes Ergebnis erzielen konnte. Spanien und Belgien fordern die EBU dazu auf eine Untersuchung einzuleiten, um zu sehen, ob da alles mit rechten Dingen zugegangen ist.
Die Beziehung zwischen der israelischen Regierung und dem Eurovision Song Contest war in der Vergangenheit nicht ganz einfach. Nun stellt sich die Frage, inwiefern die israelische Regierung den Song Contest zu ihren Gunsten nutzen konnte. Stecken politische Überlegungen hinter Israels ESC Teilnahme? OKFM4 hat mit dem ehemaligen ORF-Korrespondenten in Israel Tim Cupal gesprochen.
ORF
Tim Cupal war von 2019 bis Juni 2024 ORF Korrespondent in Israel.
Radio FM4: Die Beziehung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Israel und der Regierung Benjamin Netanyahus ist ja kompliziert, könnte man sagen. Wie ist denn deren gemeinsame Geschichte?
Tim Cupal: Es ist fast so etwas wie eine Dreiecksbeziehung zwischen Netanyahu, dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Radio und dem Song Contest. Netanyahu ist als längstdienender Regierungschef Israels beteiligt gewesen an der Zerschlagung der Vorgängerorganisation, der Israel Broadcasting Authority, die war Gebühren finanziert, ist dann zerschlagen worden, hatte sehr schlechte Reichweiten. Daraus ist dann entstanden die Israel Public Broadcasting Corporation, von der wir jetzt reden. Der Song Contest hat eine Rolle gespielt, weil die erste Organisation, die hat länger existiert wegen des Song Contests 2017 und die Israel Broadcasting Corporation, die hat dann sozusagen auch eine Daseinsberechtigung gehabt, dadurch, dass es den Song Contest aus Israel gewonnen hat und der ganze Song Contest dann nach Israel gekommen ist. Dazu mussten sie vollwertiges EBU-Mitglied sein und dazu haben sie eine eigene Nachrichtenredaktion gebraucht, eine unabhängige. Das wollte der Netanyahu eigentlich verhindern, musste sich dann aber da hineinfügen. So ist die Situation bis heute. Man kann sagen, Netanyahu in all seinen Regierungen versucht immer wieder diesen öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu schwächen. Sehr gut auf den Punkt gebracht hat das seine Frau fürs Grobe, Miri Regev, ehemalige Kulturministerin. Sie hat irgendwann gesagt: „Was ist überhaupt der Sinn von einem Public Broadcaster, wir zahlen dafür, aber dürfen nicht bestimmen, was drin vorkommt.“ Also so könnte man die Einstellung dieser Regierung sehen.
Radio FM4: Wie unabhängig ist die IPBC, die Israeli Public Broadcasting Corporation, von Netanyahu’s Regierung derzeit?
Tim Cupal: Ich würde sagen, das lässt sich durchaus mit dem ORF vergleichen. Sie machen Berichterstattung über den Korruptionsprozess gegen Netanyahu, was ihn nicht sehr freut. Sie machen durchaus hin und wieder auch kritische Berichterstattung über den Kriegsverlauf. Es ist allerdings nicht so, dass man sich vorstellen muss, dass das jetzt ein Oppositionssender ist. Zum Beispiel hat es jetzt die Oscar-gekrönte Dokumentation gegeben „No Other Land“ über die Situation der Palästinenser in Masafayata, wo eine ganz massive Vertreibung stattfindet. Und da hat ein Moderator von diesem öffentlich-rechtlichen Sender im Affekt sozusagen dem israelischen Regisseur Antisemitismus vorgeworfen. Das ist eine Aussage, die dann später wieder zurückgezogen werden musste, weil es dafür keine Belege gibt. Also was ich damit nur sagen will, es ist kein Superlinker-revolutionärer Sender, aber es ist durchaus ein Sender, der versucht, objektiv über verschiedene Schwächen der Regierung Netanyahu zu berichten.
Radio FM4: Wir haben vor kurz über das Dreiergespann, hast du es genannt, gesprochen. Ich würde gerne jetzt die dritte Seite beleuchten. Welche Bedeutung hat denn der Song-Contest in Israel?
Tim Cupal: Ich glaube das ist den Israelis wirklich wahnsinnig viel wert, dass man hier gewinnt, dass man hier Sympathien gezeigt bekommt. Also auch dieses große Publikums-Voting ist etwas, wo ich mit Bekannten in Israel gesprochen habe. Das zeigt denen einfach, die Welt ist nicht nur gegen Israel, die Welt ist nicht nur antisemitisch. Wir haben ja einen starken Anstieg von antisemitischen Fällen auch in Österreich, aber auch in ganz Europa und auf der ganzen Welt, sondern es gibt auch ganz viele Leute, die mögen uns und das ist durchaus eine positive Botschaft in Zeiten, wo es sehr auch um Imagepflege geht.
Radio FM4: Der Eurovision-Song Contest ist ein Event, das jedes Jahr von Millionen von Zuschauer:innen geschaut wird. Wie nutzt die israelische Regierung diesen Song Contest für Publicity?
Tim Cupal: Ich glaube, man hat gesehen, die israelische Regierung verwendet das sehr wohl, um das eigene Image aufzupolieren. Man hat eine groß angelegte Werbekampagne gesehen, die laut den EBU-Regeln noch nicht verboten gewesen wäre. Es geht in der Situation, in der sich Israel jetzt befindet, um einen Imagekrieg. Von Anfang an, seit dem 7. Oktober 2023, geht es um die Macht der Bilder und ein Teil davon ist eben auch, Israel zu präsentieren als ein Land, das hier gemeinsam mit anderen Ländern Musik macht, bei diesen bunten, oft queeren, lustigen Bewerb mitmacht, als gleichberechtigter Partner unter gleichberechtigten Ländern.
Radio FM4: Mehrere Länder zweifeln ja jetzt das Publikumsvoting beim Eurovision Song Contest an. Da ist Israel Erster geworden. Du kennst dich sehr gut aus in der israelischen Politik. Gibt es irgendwelche Hinweise eigentlich darauf, dass sich die israelische Regierung eingemischt hat?
Tim Cupal: Also so wie ich gerade gesagt habe, die haben ganz bewusst eine Werbekampagne gestartet, um das israelische Image aufzupolieren. Das extrem unter den Bildern, die aus Gaza kommen, leidet. Wir sehen in Gaza zerbombte Häuser, wir sehen hungernde Kinder, wir sehen Schwerverletzte. Und da ist das durchaus ein Gegenpol, wenn man sagt okay, hier ist eine Veranstaltung, die hat eigentlich gar nicht so viel damit zu tun, sondern die hat mit Musik zu tun, mit Freude, mit einem positiven Image und wo diese Werbekampagne natürlich auch dazu führt, dass viele Menschen als Publikum dafür, für Israel gevotet haben.
Radio FM4: Die israelische Teilnehmerin war aber eine Überlebende des Terrorangriffs am 7. Oktober 2023, also ist der Songcontest doch nicht ganz getrennt von der Politik und der derzeitigen Situation in Israel und Gaza.
Tim Cupal: Ich würde sagen, es ist ein ganz gutes Spiegelbild der israelischen Gesellschaft, weil die israelische Teilnehmerin hat überlebt in einem Bunker unter den Leichen von Freunden, hat sich stillgestellt mehrere Stunden lang, um nicht entdeckt zu werden. Und das ist eine Geschichte, die sehr gut widerspiegelt, das was in der israelischen Seele vor sich geht. Jeden Tag hört man in Israel etwas über den 7. Oktober nach wie vor. Das ist extrem präsent, dieses Trauma geht nicht vorüber. Und wenn man nicht darüber hört, dann hört man etwas über gefallene Soldaten. Das ist die Realität in Israel, das ist jetzt gar kein Propagandainstrument, sondern die Kandidatin ist ja ausgewählt worden bei einer Castingshow, die heißt „Der nächste Stern“. Und es hat sicherlich damit zu tun, warum sie da ausgewählt worden ist, mit ihrer persönlichen Geschichte.
Radio FM4: Eine Theorie oder eine Erklärung für das gute israelische Televoting ist ja, dass das an der jüdisch-israelischen Diaspora liegt, die ja doch ganz groß ist. Wäre das eine Erklärung aus deiner Sicht dafür?
Tim Cupal: Ich glaube, das ist einer der Gründe. Wir haben in ganz Europa jüdische Gemeinden. Wir haben aber auch sehr viele Menschen, die ganz einfach Israel-Bezug haben. Ich habe auch als Korrespondent für Israel und die palästinensischen Gebiete immer wieder erlebt, dass Menschen in Österreich und auch in ganz Europa ganz vehement die eine oder die andere Position in diesem Konflikt einnehmen. Das alles kann mit beigetragen haben. Also ich würde sagen ja, unter Umständen auch ein Grund, dass die Diaspora gewählt hat, aber nicht nur.
Radio FM4: Kannst du uns vielleicht auch einen Einblick geben, wie die ganze Causa in Israel vielleicht diskutiert wird? Weil du hast vorher schon darüber gesprochen, dass natürlich auch Israel den Song ein bisschen dazu nutzen möchte, um ein positives Bild zu zeichnen. Wie ist das auf der anderen Seite, wenn da jetzt so Vorwürfe kommen, wie wird das jetzt in Israel diskutiert?
Tim Cupal: Die Diskussion findet in Israel nicht wirklich statt. Man hört: „Spanien, die jetzt eine Untersuchung verlangen, die waren ja immer schon gegen uns, Belgien ebenso“ - also die Diskussion findet nicht wirklich statt, sondern man hat eher das Gefühl das Positive kommt an, es freuen sich alle darüber, dass sie auf dem zweiten Platz gelandet sind und auf dem ersten, was das Publikumsvoting betrifft.
Publiziert am 22.05.2025