DE3808223A1 - Verfahren zur untersuchung von regenerations- und wanderungsprozessen in zellsystemen in-vitro - Google Patents
Verfahren zur untersuchung von regenerations- und wanderungsprozessen in zellsystemen in-vitroInfo
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Description
Die Erfindung betrifft ein Verfahren zur Untersuchung
von Regenerations- und Zellwanderungsprozessen in Zellsystemen
und insbesondere ein Verfahren zur Untersuchung
von Regenerationsprozessen des Nervenzellsystems.
Nervenzellkulturen sind für die Suche nach neurotrophischen
Faktoren oder Wachstumsfaktoren von großem Nutzen, da sie
ein ziemlich einfaches und gut beschriebenes Untersuchungssystem
darstellen. Als geeignete Zellkulturen haben sich
dabei solche des Cortex und des Hippocampus erwiesen. Das
Hippocampus-Zellkultursystem ermöglicht die Untersuchung,
welchen Einfluß neurotrophische Faktoren, Hormone oder Signale
anderer Zellen auf die Entwicklung und Funktionen der
Pyramidenneuronen besitzen; ein besonderes Merkmal dieses
Kultursystems ist das Fehlen von Serum, welches durch
eine Hormonmischung ersetzt wurde [vgl. zusammenfassend
W. Seifert, Naturwissenschaftliche Rundschau, 40 (1987),
Heft 1, Seiten 1 bis 9].
Zellkulturen, und insbesondere Hippocampus-Zellkultursysteme,
erwiesen sich als nützlich für in-vitro-Untersuchungen
zur Entwicklung und Vermehrung von Zellsystemen,
wie des Nervensystems. Es wurde nun ein Kultursystem gefunden,
das sich sehr gut für in-vitro-Untersuchungen von
Regenerations- und Wanderungsprozessen eignet. Bei diesen
Zellsystemen handelt es sich um eine dichte Zellkultur,
in die eine "Wunde" eingekratz wurde. Diese sogenannte
"Wund-Kultur", z. B. von ZNS-Zellen, ermöglicht es, Regenerations-
und Wanderungsprozesse in einem zweidimensionalen
Zellkultursystem zu untersuchen. Mit diesem "Wund-
Kultur"-System wird ein Modellsystem bereitgestellt, mit
dem es möglich ist, regenerative Prozesse zu untersuchen,
die nach Läsionen oder Verletzungen des Hirns in vivo
auftreten. In diesem System ist es z. B. möglich, die
Effekte von Gangliosiden und neurotrophen Faktoren, wie
z. B. FGF, auf die Regeneration von zentralen Neuronen
zu untersuchen.
Die vorliegende Erfindung betrifft somit Untersuchungen
von Regenerations- und Zellwanderungsprozessen in Zellsystemen,
die insbesondere bei Nervenzellsystemen drei
wichtige Anwendungsbereiche besitzen, nämlich erstens
den Bereich der Regeneration nach Verletzungen von Teilen
des Nervensystems; zweitens den Bereich degenerativer Erkrankungen
des Nervensystems, die vererbt sein können
oder durch Intoxikation oder als Folge von chronischem
Alkoholismus erworben sein können; und drittens den
Bereich des Alterns.
Gegenstand der vorliegenden Erfindung ist ein Verfahren
zur Untersuchung von Regenerations- und Zellwanderungsprozessen
in Zellsystemen in vitro, dadurch gekennzeichnet,
daß man eine Zellkultur auf einem Kultursubstrat herstellt,
in dem dichten Zellrasen einen Schnitt anbringt und anschließend
das Zellwachstum von den Schnitträndern in
den erzeugten Schnittkanal hinein unter dem Einfluß der
zu untersuchenden Substanzen bestimmt.
Zweckmäßige Ausgestaltungen dieses Verfahrens sind Gegenstand
der Ansprüche 2 bis 11.
Da das erfindungsgemäße Verfahren insbesondere zur Untersuchung
von Nervensystemen eine große Bedeutung besitzt,
wird als Zellkultur insbesondere eine Kultur von Zellen
des peripheren oder zentralen Nervensystems aus embryonalem
Gewebe für das erfindungsgemäße Verfahren zur Untersuchung
von Regenerationsprozessen des Nervensystems in vitro eingesetzt;
diese Kultur von Zellen wird auf einem Kultursubstrat
zur Anheftung von Nervenzellen hergestellt
unter Verwendung eines Anheftungsmediums, nach dem Anheften
der Zellen auf dem Kultursubstrat wird die Zellkultur
in einem Medium bis zur Ausdifferenzierung weitergezüchtet,
und dann wird im gebildeten dichten Zellrasen
der Schnitt angebracht und anschließend das Zellwachstum
von den Schnitträndern in den erzeugten Schnittkanal
hinein unter dem Einfluß der zu untersuchenden Substanzen
oder Faktoren in Abhängigkeit von der Zeit quantitativ
bestimmt. Als embryonales Gewebe von Säugetieren wird vorzugsweise
ein solches von spezifischen Regionen des zentralen
Nervensystems verwendet und insbesondere Cortex,
Hippocampus, Cerebellum oder Rückenmark.
Es ist selbstverständlich auch möglich, das erfindungsgemäße
Verfahren auch als Modellsystem für Wundheilungsprozesse
außerhalb des Nervensystems zu verwenden, wie z. B.
für Epithelzellen der Haut sowie Phänomene der Kontakthemmung
bzw. Zellwanderung bei Tumorzellen.
Als Substrat oder zur Oberflächenbehandlung eines Substrates
werden solche Substanzen verwendet, die die Bindung der
Zellen an die Kulturplatte ermöglichen oder verbessern.
Vorzugsweise werden, insbesondere zur Anheftung von Nervenzellen,
als Substrat oder zur Oberflächenbehandlung Proteine
oder Polypeptide verwendet, die die Bindung der Zellen an
die Kulturplatte ermöglichen oder verbessern. Solche Proteine
oder Polypeptide sind z. B. Polyornithin, Laminin, Kollagen,
Fibronectin oder ähnliche Proteine bzw. Polypeptide und
insbesondere Polylysin. Als Substrat zur Anheftung von
Nervenzellen kommt auch ein dichter Rasen von Glia-Zellen
in Frage.
Als Anheftungsmedium wird im allgemeinen ein Serum-haltiges
Anheftungsmedium (Anwachsmedium) verwendet, wie dies z. B.
bei bekannten Zellkultursystemen zur Untersuchung des
Einflusses von neurotrophen Faktoren auf die Entwicklung
oder Vermehrung von Zellsystemen üblich ist [vgl. zum Beispiel
W. Seifert, Naturwissenschaftliche Rundschau 40 (1987),
Seiten 1 bis 9]. Als Serum-haltiges Anheftungsmedium
wird insbesondere DMEM, das 5% fötales Kälberserum und
5% Pferdeserum enthält, verwendet.
Zur Ausdifferenzierung bzw. weiteren Entwicklung der
Zellkulturen kann ein Serum-haltiges Medium verwendet
werden, das mit dem Serum-haltigen Anheftungsmedium identisch
sein kann, oder aber vorzugsweise ein Serum-freies Medium
verwendet werden; die Verwendung eines Serum-freien Mediums
als Ausdifferenzierungsmedium hat den Vorteil, daß es sich
bei dem Serum-freien Medium um ein chemisch definiertes
Medium handelt, bei dem das Serum wegen seiner wechselnden
Qualität durch eine Hormon-Mischung ersetzt ist. Als
Serum-freies, Hormon-haltiges Ausdifferenzierungsmedium
wird insbesondere das sogenannte HM-Medium, das als Hormon-
Mischung Insulin, Transferrin, Hydrocortison und Trÿodthyronin
enthält, oder das N2-Medium verwendet.
Die quantitative Bestimmung des Einwachsens von den
Schnitträndern in den erzeugten Schnittkanal kann durch
direkte Beobachtung mittels Mikroskop oder Zeitrafferaufzeichnung,
z. B. mittels Filmkamera, Video, digitaler Bildspeicherung,
erfolgen oder durch indirekte Beobachtung mittels an sich bekannter
und üblicher biochemischer, autoradiographischer oder immunohistochemischer
Methoden.
Zur direkten Beobachtung mittels Mikroskop oder Zeitrafferaufzeichnung
wird erfindungsgemäß vorzugsweise eine "Läsionsapparatur"
verwendet. Bei dieser Läsionsapparatur handelt
es sich um eine multiple Zellkultur-Kammer mit Wund-Applikator.
Dadurch können in parallelen Experimenten etwa 10
bis 50 Bedingungen gleichzeitig untersucht und unter
standardisierter Wundsetzung (Läsion) und definierten
Kulturbedingungen verglichen werden.
Die erfindungsgemäß verwendete Läsionsapparatur ermöglicht
deshalb die standardisierte und reproduzierbare Durchführung
von Reihenuntersuchungen von Substanzen (Hormone,
Wachstumsfaktoren, Peptide usw.), die Regenerations- und
Wanderungsprozesse beeinflussen können.
Die Größe (Wahl der Dimensionen) der Läsionsapparatur
richtet sich insbesondere nach den Dimensionen (Länge und
Breite) des beabsichtigten Wundmodells.
Nachfolgend wird eine erfindungsgemäß verwendete Zellkulturkammer
mit Läsionsvorrichtung (Läsionsapparatur) für die
Herstellung zweidimensionaler Läsionen in Zellkulturen beschrieben:
Die dissoziierten Zellen werden zunächst auf einer ca.
2 mm starken, mit Bindungs-Substrat (Anheftungssubstrat)
vorbeschichteten Glasplatte kultiviert, die den Boden eines
verschließbaren Gefäßes mit stabilen, ca. 20 mm hohen
Seitenwänden bildet. Durch eine kammartige Ritzvorrichtung
wird zur gegebenen Zeit über die gesamte Länge ein paralleles
Streifenmuster eingebracht. Die Breite der Läsionen richtet
sich insbesondere nach der vorgesehenen Beobachtungsdauer
und liegt in der Regel zwischen 200 µm und 2 mm bei einem
Bahnabstand von ca. 2 bis 10 mm.
Die Größe der Glasplatte wird der beabsichtigten Beobachtung
angepaßt; sie entspricht in der Regel der xy-Verschiebung
eines üblichen Mikroskop-Kreuztisches.
Die kammartige Ritzvorrichtung (Ritzkamm) wird auf die
Kulturkammer aufgesetzt und auf den als Führung dienenden
Seitenwänden entlang geschoben. Die Schneiden sind elastisch
aufgehängt und verursachen eine Durchtrennung und
Verdrängung der Zellfortsätze. Durch eine geeignete Schneidenkonstruktion
ist es möglich, die Zellreste aus dem Ritzkanal
zu entfernen.
In das Kulturgefäß wird nun ein Einsatz aus Metall mit
einer geeigneten Dichtung, insbesondere einer Silicondichtung,
eingepreßt, der die Bodenplatte in mehrere Kammern,
vorzugsweise von der Größe 10×10 mm, segmentiert. Die
Kammern können nun mit unterschiedlichen Test-Substanzen
beschickt werden und das Wiederauswachsen der Zellfortsätze
und Einwandern der Zellen beobachtet werden.
Mit dem erfindungsgemäßen Verfahren wird somit ein Verfahren
zur Untersuchung von Regenerationsprozessen und
Zellwanderungsprozessen zur Verfügung gestellt, mit dem
sich der Einfluß verschiedener Substanzen (Hormone, Wachstumsfaktoren,
Pharmaka usw.) beobachten und bestimmen
läßt; dieses Verfahren sellt ein gutes Modell für in vivo
auftretende Läsionen und Wundheilungsprozesse dar. Durch
Langzeit-Kultivierung in vitro (bei Nervenzellen der Ratte
z. B. zwei bis drei Wochen) können die Nervenzellen voll ausdifferenzieren
und damit ein Stadium erreichen, das dem
Nervensystem des adulten Tieres entspricht. Mit dem erfindungsgemäßen
"Läsions-System" ("Wund-System") lassen sich
an Zellkulturen, z. B. aus dem peripheren oder zentralen
Nervensystem, nach Applikation einer "Läsion" ("Wunde")
Regenerationsprozesse unter den definierten Bedingungen
dieses Systems studieren.
Bei dem erfindungsgemäßen Gegenstand handelt es sich also
um ein zweidimensionales Zellkultur-Modell für Untersuchungen,
die sonst normalerweise nur in aufwendigen und
schwierigen Tier-Experimenten nach Verletzungen (Wunden,
Läsionen), z. B. des Nervensystems bzw. Gehirns, durchgeführt
werden können. Wegen der außerordentlichen klinischen
Bedeutung solcher Regenerationsprozesse ist die Entwicklung
eines solchen erfindungsgemäßen Läsions-Systems
in der Zellkultur von großer Bedeutung für die Medizin und
die pharmazeutische Industrie (Entwicklung von Heilmitteln).
Die besonderen Vorteile des erfindungsgemäßen Systems werden
insbesondere durch die folgenden Aspekte begündet: Hohe
Reproduzierbarkeit der Versuche durch die Standardisierung
der experimentellen Bedingungen; freie Wahl der Versuchsparameter
und ausgezeichnete Beobachtbarkeit und Auswertung
der Regenerationsprozesse in vitro; Einsparung von Tier-
Experimenten; Verwendungsmöglichkeit für Reihenuntersuchungen
und zum "Screening" (z. B. von Pharmaka, Hormonen und
anderen Bio-Chemikalien) unter standardisierten und reproduzierbaren
Bedingungen.
Je nach Auswahl der Zellkulturen lassen sich dabei spezifische
Erscheinungsformen untersuchen; so kommt z. B. dem
Rückenmark bei Querschnittslähmungen eine enorme Bedeutung
zu und damit auch der Untersuchung von Rückenmarksgewebe,
bei dem es sich ebenfalls um Nervensystemgewebe handelt, mit
dem erfindungsgemäßen "Läsionssystem".
In den Fig. 1 bis 4 bedeuten:
Fig. 1a zeigt eine Phasenkontrastphotographie von hippocampalen
Neuronen zwei Stunden nach Auftragen
auf mit Polylysin beschichtete Deckgläser;
Fig. 1b zeigt die gleiche Kultur hippocampaler Neuronen
24 Stunden nach dem Auftragen.
Es kann ein starkes Neuriten-Auswachsen festgestellt werden.
Die meisten Zellen haben zwei oder mehrere lange Fortsätze
entwickelt. Der eingetragene Maßstab stellt 100 µm dar.
Die Fig. 2 zeigt die Wirkung des Zusatzes von exogenem
GT1b-Gangliosid zu einer hippocampalen Zellkultur, wie sie
in Fig. 1 gezeigt wird (Einwirkungsdauer 24 Stunden). Die
Neuritenlänge wird in Mikrometer pro Neuron aufgetragen,
gemessen an Vergrößerungen von Phasenkontrast-Aufnahmen.
Der Maßstab bezieht sich auf das SEM von drei unabhängigen
Experimenten. Jedes Experiment bestand aus drei Deckgläschen
mit vier verschiedenen mikroskopischen Feldern auf
jeder Deckgläschenkultur.
1. Kontrollkulturen mit einer durchschnittlichen Neuritenlänge
von 95 µm.
2. Zugabe von GT1b (5×10-5 M): vollständige Inhibierung des Neuritenwachstums.
3. Zugabe von GT1b (8×10-8 M): Stimulierung des Neuritenwachstums mit einer durchschnittlichen Länge von 160 µm.
2. Zugabe von GT1b (5×10-5 M): vollständige Inhibierung des Neuritenwachstums.
3. Zugabe von GT1b (8×10-8 M): Stimulierung des Neuritenwachstums mit einer durchschnittlichen Länge von 160 µm.
Fig. 3 stellt eine Phasenkontrastaufnahme von "Wund-Kultur"-
Systemen dar. Es handelt sich um eine dichte Cortex-Kultur
neugeborener Ratten, die in einem Serum-freien, N2 enthaltenden
Medium 10 Tage kultiviert wurde. Der Maßstab bedeutet
10 µm.
a) 0 Stunden nach Einkratzen der Wunde in die Kultur;
b) Scanning-Elektronenmikrographie, aufgenommen 24 Stunden nach der Wundzufügung.
b) Scanning-Elektronenmikrographie, aufgenommen 24 Stunden nach der Wundzufügung.
Es zeigen sich lange Fortsärze mit Wachstumskegeln, die von
der Kante der Wunde in den offenen Schnittkanal hineinwachsen.
Der Maßstab bedeutet 10 µm.
Die Fig. 4 zeigt das gleiche "Wund-Kultur"-System wie
die Fig. 3a, 24 Stunden nach dem Zufügen der Wunde, als
Phasenkontrastmikrographie.
a) Kontrolle: Man stellt Neuritenwachstum und individuelle
Zellen, die in der Wunde wandern, fest.
b) Zugabe von 10 ng FGF/ml Medium (während 24 Stunden): Die Wunde ist durch starkes Neuritenwachstum und Glia-Zellenwanderung fast geschlossen.
b) Zugabe von 10 ng FGF/ml Medium (während 24 Stunden): Die Wunde ist durch starkes Neuritenwachstum und Glia-Zellenwanderung fast geschlossen.
Die nachfolgenden Beispiele veranschaulichen das erfindungsgemäße
Verfahren näher, ohne es darauf zu begrenzen.
Pulvermedium (bezogen von der Firma Boehringer, Mannheim)
3,7 g/l NaHCO₃
100 000 U Penicillin/Streptomycin (Boehringer)
3,7 g/l NaHCO₃
100 000 U Penicillin/Streptomycin (Boehringer)
DMEM
20 ml/l 1 M Hepes, ph = 7,3 (Gibco)
20 ml/l 1 M Hepes, ph = 7,3 (Gibco)
DMEM
10% inaktiviertes fötales Kälberserum
10% inaktiviertes fötales Kälberserum
DMEM
5% inaktiviertes fötales Kälberserum
5% inaktiviertes Pferdeserum
5% inaktiviertes fötales Kälberserum
5% inaktiviertes Pferdeserum
DMEM
7,25 µg/l Hydrocortison (2×10-8 M)
5 mg/l Insulin (8,8×10-7 M)
1 mg/l Transferrin (1,1×10-8 M)
0,2 µg/l Trÿodthyronin (3×10-10 M)
7,25 µg/l Hydrocortison (2×10-8 M)
5 mg/l Insulin (8,8×10-7 M)
1 mg/l Transferrin (1,1×10-8 M)
0,2 µg/l Trÿodthyronin (3×10-10 M)
DMEM
5 mg/l Insulin (8,8×10-8 M)
10,35 ng/l Na-Selenit (30 nM)
6,3 µg/l Progesteron (20 nM)
16 mg/l Putrescin (100 µM)
100 mg/l Transferrin (1,1 uM)
5 mg/l Insulin (8,8×10-8 M)
10,35 ng/l Na-Selenit (30 nM)
6,3 µg/l Progesteron (20 nM)
16 mg/l Putrescin (100 µM)
100 mg/l Transferrin (1,1 uM)
a) Zur Herstellung von Glia-Kulturen (Glia-Feederlayer-
Kulturen) wurden die Vorderhirnhemisphären von 3 bis 5
Tage alten Ratten herauspräpariert, von den Meningen befreit,
in Hepes-Medium gesammelt und nach fünfzehnminütiger
Inkubation mit Trypsin-EDTA, gefolgt von dreimaligem Waschen
mit DMEM, ungefähr 10- bis 15mal durch eine Spritze mit
18-G-Kanüle geschert. Die Zellsuspension wurde dann mit
ca. 10 ml FKS-Medium pro Hemisphäre versetzt und zu je 10 ml
auf Petrischalen von 10 cm Durchmesser verteilt. Nachdem
die Zellen etwa eine Woche angewachsen waren, wurde das
FKS-Medium durch Serum-freies HM-Medium ersetzt.
a) Um eine Kultur von hippocampalen Pyramiden-Neuronen
[G. A. Banker, W. M. Cowan, Brain Res 126 (1977), 397 bis 425]
zu erhalten, wurden die Hippocampi aus den Feten einer
ca. 18 Tage trächtigen Ratte herauspräpariert und analog
den Glia-Kulturen trypsinisiert und geschert. Die Zellsuspension
wurde dann mit einer Dichte von 500 000 Zellen/ml in
Anheftungsmedium entweder auf Petrischalen von 2 cm Durchmesser
plattiert, in denen sich 7 mit Polylysin (0,3 mg/ml)
beschichtete runde Deckgläschen (Durchmesser 10 mm) befanden,
oder auf die Kreise von ebenfalls mit Polylysin
beschichteten Spezialobjektträgern (Flow Multitest Slides;
10 well) pipettiert (je 50 µl). Nach 45minütiger Anheftungszeit
wurden die Zellen einmal mit DMEM gewaschen und
dann entweder in N2-Medium gehalten oder die Deckgläschen
auf in HM-Medium wachsende Glia-Kulturen gesetzt.
Um Kulturen herzustellen, die sowohl kortikale Neuronen
als auch Gliazellen enthalten, wurden die Hemisphären von
neugeborenen Ratten vorsichtig mit einer 5-ml-Zellkulturpipette
geschert. Außerdem wurde ein Zentrifugationsschritt
(Heraeus Labofuge GL; 10 Minuten, 2000 UpM und eine Filtration)
durch einen 80-µm-Nylonfilter zwischengeschaltet. Die Zellen
wurden mit einer Dichte zwischen 800 000 und 10⁶ Zellen/ml
in Anheftungsmedium auf Polylysin-beschichtete Deckgläser
oder Flow-Objektträger ausgesät und nach 45 Minuten Anheftung
in N2-Medium gezogen.
Zellkulturen aus Ratten-Hippocampus wurden wie vorstehend
beschrieben in Serum-freiem, Hormon-haltigem Medium
hergestellt. Für die dissoziierten Kulturen hippocampaler
Neuronen niedriger Dichte wurden Zellen von 18 Tage alten
Rattenembryos genommen und mit einer Konzentration von
2×10⁵ Zellen/ml Medium auf mit Polylysin beschichtete
Deckgläschen aufgetragen. Nach der anfänglichen Anheftungsphase
in 5% Pferdeserum und 5% fötales Kälberserum enthaltendem
Medium während 45 Minuten wurden die Deckgläschen
vorsichtig gewaschen und in HM-Medium gegeben, das Zusätze
von Gangliosiden oder Fibroblasten-Wachstumsfaktor (FGF)
enthielt. Die Enddichte der angehefteten Zellen betrug 2 bis
4×10⁴ Zellen/cm².
Kulturen aus Rattencortex (Cortex-Mischkultur) hoher Dichte
wurden wie vorstehend beschrieben hergestellt, mit der Ausnahme,
daß N2-Medium verwendet wurde, das ein Langzeit-
Überleben zu verbessern scheint. Diese Kultur wurde nach
10 Tagen für die "Wundexperimente", wie sie in den Fig. 3
und 4 dargestellt sind, verwendet.
Die Identifizierung der Zelltypen wurde mittels Immunofluoreszenz-
Anfärbung durchgeführt: Anti-GFAP für Astrocyten
und Anti-Neurofilament für Neuronen. Das Zellüberleben wurde
durch Fluoreszenz-Anfärbung gemessen, bei der es sich um
einen zuverlässigeren Test als die Trypanblau-Reaktion
handelt. Individuelle Ganglioside wurden von Serolab,
München, erhalten und Fibroblastwachstumsfaktor (FGF)
von Sigma Co., München.
Die Beobachtung der Zellen und Neuriten wurde mittels
Phasenkontrast-Mikroskopie und Mikro-Kinematographie vorgenommen.
Die Neuritenlänge in µm pro Neuron wurde mittels
Phasenkontrast-Photographien bei geeigneten Vergrößerungen
gemessen. Jede experimentelle Bedingung wurde in 3 bis 5
unabhängigen Experimenten durchgeführt. Jedes Experiment
umfaßte drei Deckgläschen, und vier verschiedene Felder wurden
für jedes Deckgläschen quantitativ ausgewertet, mit einer
Gesamtzellenzahl von ca. 400 Zellen pro Deckgläschen.
Aus den vorstehend genannten Untersuchungen und Beispielen
lassen sich folgende Ergebnisse ableiten:
Das Neuronenzellkultursystem von embryonalem Ratten-Hippocampus
besteht hauptsächlich aus neuronalen Zellen (vgl.
W. Seifert et al. in "Neurobiology of the Hippocampus",
Academic Press, London, 1983, Seiten 109 bis 135; W. Seifert
und H. W. Müller, 1984, l.c.). Aufgrund der Entwicklungszeiten
enthalten diese Kulturen fast keine Granularneuronen,
die sich post-natal entwickeln und dann die Zellschicht
des gezahnten Gyrus (dentate gyrus) bilden. Sie bestehen
hauptsächlich aus pyramidalen Neuronen (glutamatergisch)
und zu einem geringeren Teil aus Korbneuronen (basket neurons;
gabanergisch). Zusätzlich sind ca. 10% der Zellen Astrocyten,
und weniger als 1% sind andere Zelltypen, wie z. B.
Oligodendrocyten und Microgliazellen. Mit ca. 90% neuronaler
Zellen eines definierten Ursprungs und Entwicklungsstadiums
(ca. 24 bis 48 Stunden postmitotisch) kann dieses neuronale
Zellkultursystem aus Hippocampus für alle praktischen Zwecke
als relativ homogenes Zellkultursystem angesehen werden,
insbesondere im Hinblick auf die Komplexizität anderer Systeme
des Zentralnervensystems.
Aufgrund der Tatsache, daß diese Neuronen gerade postmitotisch
wurden und zur Zeit der Dissoziation und dem
Aufbringen auf Kulturschalen oder Deckgläschen keine Fortsätze
besitzen, kann das Auswachsen zu Neuriten während der
ersten 24 oder 48 Stunden beobachtet werden. Bei niedriger
Zelldichte können individuelle Zellen und ihr Neuritenwachstum
verfolgt werden und durch Phasenkontrast-Mikrophotographie
und Kinematographie gemessen werden, so wie es in
Fig. 1 dargestellt wird.
In diesem System wurde die neurotrophische Wechselwirkung
von Astrocyten und Neuronen untersucht und als niedrigmolekularer
neurotrophischer Faktor beschrieben [vgl.
H. W. Müller und W. Seifert, J. Neursci. Res. 8 (1982),
195 bis 204; H. W. Müller et al., Proc. Natl. Acad. Sci. USA 81
(1984), 1248 bis 1252]. Weitere Forschungen haben gezeigt,
daß in dem Astrocyten-konditionierten Medium zusätzlich
ein Faktor mit hohem Molekulargewicht existiert. Wie von
S. Beckh et al., NATO ASI Series H: Cell Biology, Bd. 2,
Springer-Verlag, Berlin-Heidelberg-New York (1987), Seiten
385 bis 406, beschrieben, besitzt die Komponente mit dem
niedrigen Molekulargewicht die Überlebensaktivität, und
es wurde festgesellt, daß es sich dabei um Pyruvat handelt
[vgl. I. Selak et al., J. Neurosci 5 (1985), 23 bis 28].
Die hochmolekulare Komponente ist für die Neuriten-fördernde
Aktivität verantwortlich und scheint in antigener Beziehung
zu Laminin zu stehen (vgl. S. Beckh et al., l.c.).
Ein offensichtlicher Vorteil des erfindungsgemäßen "Wund-
Kultur"-Systems ist die Möglichkeit der kontinuierlichen
Beobachtung durch Mikro-Kinematographie, die Identifizierung
aller Zelltypen durch Kombination von Immunohistochemie und
Autoradiographie und die Möglichkeit der Manipulation durch
Drogen, Arzneimittel, Hormone und andere Substanzen, wie
z. B. Gnagliosiden, während des Prozesses der Regeneration
in einem in-vitro-System.
Als Beispiel für ein erfindungsgemäßes Kultursystem wurden
Nervenzellen von Ratten-Cortex oder -Hippocampus genommen,
die mit hoher Zelldichte aufgetragen wurden und mehrere Tage
(ein bis zwei Wochen) in einem Serum-freien, Hormon enthaltenden
Medium gehalten wurden. Unter diesen Bedingungen sind
sowohl Neuronen als auch Glia-Zellen vorhanden. Aufgrund
der langen Kulturperiode können diese dichten Kulturen bis
zu einem bestimmten Ausmaß als zweidimensionales in-vitro-
System des Gehirns der erwachsenen Ratte angesehen werden.
Dann wird eine "Wunde" in die Zell-Monoschicht eingekratzt,
die in dem Phasenkontrast-Mikroskop wie eine offene "Schnellstraße"
erscheint. Ein solches Beispiel zeigt die Fig. 3,
worin a die Phasenkontrast-Photographie zur Zeit 0 zeigt
und b die Ansicht durch ein Rasterelektronen-Mikroskop 24
Stunden später darstellt. Diese Figur zeigt die auswachsenden
Fortsätze mit den Wachstumskegeln, die in den offenen
Raum hinausragen. Der gleiche Zeitpunkt nach 24 Stunden wird
in dem Phasenkontrast-Photo in Fig. 4a gezeigt. Auch hier
wird Neuriten-Wachstum und zuästzliche Wanderung einzelner
Zellen in die offene "Wunde" festgestellt.
Die "Wund-Experimente" können routinemäßig durch Phasenkontrast-
Mikroskopie und Zeitraffer-Kinematographie verfolgt
werden und die Zelltypen der gleichen Flächen durch Immunohistochemie
und Autoradiographie identifiziert werden. Auf
diese Weise kann man z. B. die verschiedenen Mobilitäten und
Aktivitäten von sowohl Neuronen als auch Astrocyten in dem
Wund-Paradigma beobachten. Mit dem erfindungsgemäßen "Wund-
Kultur"-System ist es möglich, die Wirkung von Gangliosiden
und neurotropher Faktoren auf eine solche "in-vitro-Läsion"
zu untersuchen. Als Beispiel dafür zeigt die Fig. 4b die
Wirkung des Fibroblasten-Wachstumsfaktors (FGF) auf dieses
System, und zwar zum gleichen Zeitpunkt (24 Stunden) wie in
Fig. 4a gezeigt, aber nach Behandlung mit 10 ng/ml FGF im
Medium. Die Wirkung ist deutlich zu sehen. Aufgrund des
extensiven Neuritenwachstums und der Zellwanderung hat sich
die "offene Wunde" fast vollständig geschlossen. Dies ist
in Übereinstimmung damit, daß FGF als ein neurotropher Faktor
auf zentrale Neuronen wirken kann [P. Walicke, Proc.
Natl. Acad. Sci. USA 83 (1986), 3012 bis 3016], zeigt aber in
dem erfindungsgemäßen "Wund-Kultur"-System, daß FGF in einer
Wunde tatsächlich eine nützliche Wirkung besitzen kann und
deshalb vermutlich auch bei Vorliegen einer in-vivo-Läsion
durch Stimulierung der Regenerationsprozesse vorteilhaft
ist.
Claims (11)
1. Verfahren zur Untersuchung von Regenerations-
und Wanderungsprozessen in Zellsystemen in vitro,
dadurch gekennzeichnet, daß
man eine Zellkultur auf einem Kultursubstrat herstellt,
in dem dichten Zellrasen einen Schnitt anbringt
und anschließend das Zellwachstum von den
Schnitträndern in den erzeugten Schnittkanal hinein
unter dem Einfluß der zu untersuchenden Substanzen
bestimmt.
2. Verfahren nach Anspruch 1 zur Untersuchung von
Regenerations- und Wanderungsprozessen des Nervensystems
in vitro, dadurch
gekennzeichnet, daß man eine Zellkultur
des peripheren oder zentralen Nervensystems aus
embryonalem Gewebe auf einem Kultursubstrat zur Anheftung
von Nervenzellen herstellt unter Verwendung
eines Anheftungsmediums, nach dem Anheften der Zellen
auf dem Kultursubstrat diese in einem Medium bis zur
Ausdifferenzierung weiterzüchtet, dann im gebildeten
dichten Zellrasen den Schnitt anbringt und anschließend
das Zellwachstum von den Schnitträndern
für den erzeugten Schnittkanal hinein unter dem Einfluß
der zu untersuchenden Substanzen oder Faktoren
in Abhängigkeit von der Zeit quantitativ bestimmt.
3. Verfahren nach Anspruch 2, dadurch
gekennzeichnet, daß man embryonales
Gewebe von spezifischen Regionen des Zentralnervensystems
verwendet.
4. Verfahren nach Anspruch 3, dadurch
gekennzeichnet, daß man Cortex, Hippocampus,
Cerebellum oder Rückenmark verwendet.
5. Verfahren nach einem der Ansprüche 1 bis 4,
dadurch gekennzeichnet, daß
man zum Anheften von Nervenzellen als Substrat oder
zur Oberflächenbehandlung eines Substrats Proteine
oder Polypeptide verwendet, die die Bindung der
Zellen an die Kulturplatte ermöglichen oder verbessern.
6. Verfahren nach Anspruch 5, dadurch
gekennzeichnet, daß man Polyornithin,
Polylysin, Laminin, Kollagen, Fibronectin oder
ähnliche Proteine oder Polypeptide verwendet.
7. Verfahren nach Anspruch 5, dadurch
gekennzeichnet, daß man als Substrat
zur Anheftung von Nervenzellen einen dichten Rasen
von Glia-Zellen verwendet.
8. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, daß
man ein Serum-haltiges Anheftungsmedium verwendet
und zur weiteren Ausdifferenzierung der Zellkulturen
ein Serum-freis, Hormon-haltiges Medium verwendet.
9. Verfahren nach Anspruch 8, dadurch
gekennzeichnet, daß man als Serum-
haltiges Anheftungsmedium DMEM mit 5% fötalem Kälberserum
und 5% Pferdeserum verwendet.
10. Verfahren nach Anspruch 8, dadurch
gekennzeichnet, daß das Ausdifferenzierungsmedium
Insulin, Transferrin, Hydrocortison und
Trÿodthyronin enthält.
11. Verfahren nach einem der vorhergehenden Ansprüche,
dadurch gekennzeichnet, daß
man die quantitative Bestimmung des Einwachsens in
den Schnittkanal durch direkte Beobachtung mit einem
Mikroskop oder mit einer Zeitraffer-Aufzeichnung durchführt
oder durch indirekte Beobachtung mittels biochemischer,
autoradiographischer oder immunohistochemischer
Methoden durchführt.
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