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Die Erfindung des ventilierten Flugkörpers betrifft
das Gebiet der freifliegenden atmosphärischen Flugkörper insbesondere
aus dem waffentechnischen und militärischen Anwendungsbereich.
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Aus der Literatur ist bekannt, daß mit Hilfe von
Steuerflächen,
aerodynamischer Formgebung und Transitionshilfen der Widerstand
und die Flugstabilität
von Flugkörpern
, wie Geschossen, Granaten, Raketen und anderen stumpfen Körpern verbessert
werden kann. Außerdem
ist durch wissenschaftliche Untersuchungen der letzten Jahre erforscht worden,
daß der
Widerstand von Kugelmodellen und Kugelzylindern durch zentrale Ventilationsbohrungen vermindert
werden kann (Suryanarayana et al.; Mei Lu).
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Nachteilig ist bei den erstgenannten
Verfahrensweisen bei Flugkörpern,
daß stumpfe
Formen durch solche Maßnahmen
nur begrenzt verbessert werden können
und zusätzliche
Elemente den hohen Beschleunigungen und Luftkräften oft nicht gewachsen sind,
und darüber
hinaus noch zusätzlichen
Widerstand erzeugen. Bei einfachen Flugkörpern wie Geschossen aus Handfeuerwaffen
und Gewehren, wie auch bei Granaten sind stumpfe Heckformen üblich und
es wird oft für
bestimmte Verwendungen zu stumpfen Nasen gegriffen, die beide erhebliche Nachteile,
wie zusätzlichen
Luftwiderstand und Instabilität,
mit sich bringen. Zur Lagestabilisierung und Kompensation der Instabilitäten wird
eine starke Drallbewegung eingeleitet. Wegen der Instabilität der Kreiselbewegung
um die Achse kleinsten Trägheitsmomentes
ist auch diese Maßnahme
fragwürdig.
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Mit der in dem Patentanspruch 1 angegebenen
Erfindung der Ventilation von Flugkörpern werden deren Flugeigenschaften
in verschiedener Hinsicht entscheidend verbessert. Gestützt auf
die an einer ventilierten Kugel im Windkanal und Wasserkanal gewonnenen
Erkenntnisse (Suryanarayana et al., Mei Lu) sind bei Flugkörpern jeglicher
Art erhebliche Verbesserungen der Reichweite, der Flugstabilität und der
Zielgenauigkeit möglich.
Der Luftwiderstand wird durch Verminderung des sogenannten, Druckwiderstandes
und des Formwiderstandes je nach Form des Flugkörpers und der gewählten Ventilation
typisch um bis zu 50% vermindert. Durch die Ventilation wird daher
die Reichweite wesentlich erhöht,
ohne daß sich
an der äußeren Form
und an der Masse viel ändert.
Die durch Nachlaufinstabilitäten
erzeugten Schwingungen nehmen ab wodurch die Bahnstabilität erhöht wird.
Außerdem
wird die aeroakustische Geräuscherzeugung
stark reduziert.
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Die in den Patentansprüchen 1 bis
13 angegebene Erfindung löst
das Problem des hohen Widerstandes und der strömungsbedingten Instabilitäten und
Geräusche
von relativ stumpfen Flugkörpern 1 durch
Verbindungskanäle 2 von
der Stauzone 5 an der Frontseite zur Totwasserzone 4 an
der Rückseite des
Flugkörpers.
Die Verbindungskanäle
werden durch die Druckdifferenz automatisch von vorn nach hinten
durchströmt,
so daß der
Totwasserdruck steigt und der Nachlauf durch die Strahlwirkung des
austretenden Ventilationsstromes beruhigt und geordnet wird.
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Typische We rte des Querschnittsverhältnisses
q = V/F von Ventilationsöffnung
V zu Flugkörperquerschnitt
F liegen dabei im Bereich 0,01 < q < 0,2. Die starke
Wirkung der Ventilation zeigt sich besonders an diesen kleinen Werten.
Bei Überschallflugkörpern (s. 3 und 4) und in besonderen Fällen können die Werte von q ohne Nachteil
auch größer sein.
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Durch den Ventilationskanal 2 wird
zwar die beströmte
Oberfläche
des Flugkörpers
bei festgehaltener Grundform 1 oder Masse vergrößert, so
daß die Wandreibung
durch die vergrößerte Oberfläche zunimmt.
Die Verminderung des Druckwiderstandes und des Formwiderstandes übersteigt
jedoch bei mittleren Reynoldszahlen (5 × 10exp5) in den meisten Fällen diesen
negativen Einfluss beträchtlich.
Die Widerstandsverminderung kann dann 50% und mehr erreichen. Bei
höheren
Re-Zahlen (Re > 10exp6) ändern sich
die Abströmverhältnisse
und die Widerstandsverminderung erreicht nicht mehr ganz so hohe
Werte. Bei Schräganströmung steigt
die Widerstandverminderung durch Ventilation meist an. Außerdem tritt
bei kurzen Flugkörpern
noch eine Bahnstabilisierung durch ein negatives Nickmoment auf.
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Eine außerordentlich wichtige Wirkung
der Ventilation von Flugkörpern
besteht in der Beruhigung der Nachlaufströmung, die zu einer Stabilisierung
der Flugbahn und einer Verminderung der Geräuscherzeugung führt. Diese
Wirkung kann wie die Widerstandsverminderung durch eine Unterteilung oder
ringspaltartige Form der austretenden Ventilationsströmung noch
weiter gesteigert werden (s. 2).
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Nach den Erfordernissen der Fluggeschwindigkeit
und der Abmessungen des Flugkörpers (Machzahl
und Reynoldszahl) aber auch nach dem vertretbaren Aufwand werden
die Kanäle 2 schlicht zylindrisch
als einfache Bohrungen oder konturiert oder unterteilt oder ringspaltförmig ausgeführt. In
jedem Fall ist bei Unterschallgeschwindigkeit an der Vorderkante
der Kanäle
eine Abrundung und ein geringer Einzug der Kanäle 5 zweckmäßig.
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Bei Überschallgeschwindigkeit ergibt
sich nach Patentanspruch 6 zusätzlich
die Möglichkeit durch
die Ventilation einen Teil des Wellenwiderstandes zu eliminieren.
Dazu wird der Außenmantel
des Flugkörpers
im wesentlichen zylindrisch ausgeführt, so daß ein Großteil der Verdrängungsströmung durch
den Ventilationskanal stattfindet. Hier kann sogar eine relativ
scharfe Vorderkante zweckmäßig sein.
Der Ventilationskanal wird hier vorzugsweise in konischen Segmenten
ausgeführt,
um starke Verdichtungsstöße zu vermeiden
(s. 3 und 4).
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Die Anwendungsbereiche für ventilierte Flugkörper sind
hauptsächlich
Geschosse, Granaten, Raketen und andere stumpfe Körper. Da
der Bereich der erheblichen Widerstandsverminderung bei Reynoldszahlen über einer
halben Million beginnt, sind die Flugkörper dementsprechend einzuordnen.
- 1. Die stumpfen Geschosse aus Faustfeuerwaffen,
wie etwa nach 1 und 7 geformt, haben einen Re-Zahl-Bereich
von 2 ××10exp5 < Re < 5 × 10exp5
und lassen eine Widerstandsverminderung durch Ventilation von etwa
50% zu. Im Bereich der kleineren Werte der Re-Zahl ist dies nur erreichbar,
wenn es gelingt durch Transitionshilfen 15 wie Kerben oder
Wandrauhigkeiten die Außengrenzschicht
umschlagen zu lassen.
- 2. Geschosse aus Gewehren haben einen Bereich der Reynoldszahlen
3 × 10exp5 < Re < 1 × 10exp6.
Hier ist eine Widerstandsverminderung nach der bisherigen Erfahrung
besonders leicht zu realisieren und erreicht Werte von bis zu 50% je
nach Form und Machzahl.
- 3. Hochgeschwindigkeitsgeschosse aus Gewehren und kleinkalibrigen
Kanonen haben einen Reynoldszahlbereich 1 × 10exp6 < Re < 4 × 10exp6.
Bei diesen Geschossen ist wegen der hohen Machzahlen 2 < Ma < 6 eine besondere Formgebung
mit glattem Außenzylinder
wie etwa in 3 zweckmäßig. Die
erzielbare Widerstandsverminderung nimmt hier stark mit dem Querschnittswert
q der Ventilation zu.
- 4. Granaten und Bomben haben typische Re-Zahlen im Bereich 2 × 10exp6 < Re < 6 × 10exp6
wobei Widerstandsverminderungen von 30% erreichbar sind.
- 5. Kugelförmige
und stumpfe Munition für
Luftgewehre lässt
bei typischen Re-Zahlen
von 3 × 10exp4 < Re < 5 × 10exp4
eine größere Widerstandsverminderung
nur zu, wenn durch Transitionshilfen 15 oder die Formgebung
(8) die Außenströmung turbulent
gemacht wird, da bei laminarer, vorzeitiger Grenzschichtablösung die
Ventilation wenig wirksam ist.
- 6. Raketen haben im allgemeinen ohnehin eine rückwärtige Auslassöffnung für den Antriebsstrahl,
so daß sich
hier die Ventilation für
die antriebsfreie Phase des Fluges leicht realisieren lässt. Besonders
bei Feststoffraketen ist nach Abbrand des Treibstoffes ein Ventilationskanal
im Inneren automatisch frei, so daß eine Umschaltung zwischen
beiden Flugphasen automatisch erfolgen kann. Die Re-Zahlen sind
bei diesen Flugkörpern
je nach Größe und Geschwindigkeit
in einem weiten Bereich von 10exp6 < Re < 10exp7
angesiedelt, so dass hier auch wegen des weiten Machzahlbereiches
von 0,5 < Ma < 8 unterschiedliche
Konfigurationen nach 6 oder 4 zweckmäßig sind.
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Für
Zwecke der Steuerung können
nach 9 und 10 in der Nähe des Endquerschnittes 4 kreuzförmig angeordnete
Strahlumlenker 18 angebracht werden, die durch seitliche
Achslagerung beweglich sind. Damit ist es möglich dem austretenden Ventilationsstrahl
eine gegen die Flugkörperachse geneigte
Richtung zu geben, die zu einer gekrümmten Bahn und Lenkbarkeit
des Flugkörpers
führt.
Die Strahlsteuerung kann aber auch durch kleine Klappen oder Spoiler
an den Kanalwänden
erreicht werden.
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Die Ausführung mit einem sternförmigen Einsatz
(s. 10) oder einer Anzahl
kleinerer Öffnungen
im Endquerschnitt 4 haben überdies den Vorteil, dass Antriebsdruckkräfte mittels
einer dünnen Übertragungsplatte 14 besser
auf den Endquerschnitt des Flugkörpers
verteilt werden können.
Große Öffnungen
können
eine dickere Übertragungsplatte 14 (Dichtungsplatte)
erforderlich machen. Eine besondere Variante der Abdichtung der
Ventilationsbohrungen in der Antriebsphase besteht darin, den Ventilationskanal
ganz oder teilweise mit einem brennbaren Material 9 zu
verschließen,
welches durch den Antriebsschwaden gezündet wird. Damit kann zugleich zusätzlicher
Antrieb oder auch eine Leuchtspur erzeugt werden.
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Die Ventilationsbohrung hat bei vielen
Geschossen überdies
die erwünschte
Nebenwirkung, dass sich die Geschosse bei Aufprall in kontrollierter Weise
verformen oder zerlegen. Dies kann durch eine entsprechende Strukturierung
des Geschosskörpers 1 noch
unterstützt
werden. Schon jetzt weisen bestimmte Geschosse von Handfeuerwaffen zentrale
Sacklöcher
an der Spitze auf, die lediglich dem Zweck der kontrollierten Verformung
oder Zerlegung dienen, in der aerodynamischen und aeroakustischen
Wirkung jedoch eher nachteilig sind.
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Einige Ausführungsbeispiele sind in den
beigefügten
Zeichnungen dargestellt, auf die sich auch die Ziffern im obigen
Text beziehen.
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1 zeigt
einen Schnitt 1 und die Rückseite 3 eines beliebigen,
typischen, rotationssymmetrischen Flugkörpers, wobei hier hauptsächlich an
eine Pistolenkugel zu denken wäre.
Der Körper 1 ist
hier von einem zylindrischen Kanal 2 durchzogen, der an einer
aerodynamisch günstig
geformten Einlaufdüse 5 beginnt
und mit einer glatten Austrittsöffnung 4 endet.
Das Querschnittsverhältnis
q ist im gezeigten Beispiel etwa q = 0,07.
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2 stellt
einen Flugkörper-
im Schnitt dar, bei dem sich ein Eintritt 5 in verschiedene
Ventilationskanäle 2 aufteilt.
Die Austrittsöffnungen 4 können im
Endquerschnitt 3 statistisch verstreut, regelmäßig oder
auf einem Kreis angeordnet sein. Auch könnte der Kanal 2 einen
Ringspalt mit einem entsprechenden Austritt bei 3 bilden
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3 zeigt
den Schnitt 1 durch eine Ausführung, welche sich für Überschallflugkörper anbietet. Hier
wird der Eintrittskanal 5 und der Austrittskanal 6 von
konischen Segmenten gebildet. Eine engste Stelle 6 definiert
die Kompression der Überschalleinströmung. Der
Ventilationskanal hat hier einen relativ großen Querschnitt, weil so die
Außenströmung verlustarm
bleibt. Die Form insgesamt wird für unterschiedliche Machzahlbereiche
angepaßt.
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4 zeigt
einen Schnitt 1 durch einen für Überschall gedachten Flugkörper, bei
dem zugunsten eines engeren Kanals 2 und eines kleineren Querschnittsverhältnisses
q der Frontquerschnitt 7 und der Endquerschnitt 8 keilförmig eingeschnitten sind,
um die Überschallströmung verlustarm
um die Außenkontur
zu führen.
Die Einschnitte können
zusätzlich
zur Bahnstabilisierung dienen.
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5 zeigt
einen Schnitt 1 durch eine granatenähnliche Form, bei welcher der
Ventilationskanal 2 mit einer festen, brennbaren Füllung 9 verschlossen
ist, die in der Antriebphase der Kartusche 11 den Kanal
abdichtet und später
nach Zündung
durch den Schwaden 10 den Kanal nach Abwerfen einer eventuell
vorhandenen Spitze 12 freigibt.
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6 stellt
im Schnitt 1 eine Feststoffrakete dar, bei der nach Abbrand
der Füllung 9 und
Abwurf der Spitze 12 ein Ventilationskanal 2 entsteht,
der hier in einer Düse
endet.
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7 zeigt
einen üblichen
relativ stumpfen Flugkörper
im Schnitt 1, bei dem zum Gebrauch bei kleinen Reynoldszahlen
ein Rille 15 als Transitionshilfe vorgesehen ist. Die in
den Endquerschnitt des Flugkörpers
einsetzbare Übertragungslatte 14 mit
einer Zentrierhilfe dient der Abdichtung in der Antriebsphase. Auch
hier können
Rillen 16 als Labyrinthdichtungen eingebracht werden. Die
Platte 14 wird bei Enden des Antriebsdruckes durch den
Staudruck automatisch vom Flugkörper
getrennt.
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8 zeigt
einen Schnitt 1 durch eine Flugkörperform wie sie bei Luftgewehren
im Gebrauch ist. Hier ist die Ventilation selbst bei den sehr kleinen Reynoldszahlen
solcher Geschosse sinnvoll, weil durch die Außenform die Außenströmung sicher
turbulent ist und der hohe Luftwiderstand durch einen hier konischen
Kanal 2 mit einem engsten Querschnitt 6 nahe der
gerundeten Eintrittsöffnung 5 reduziert
werden kann. Die Abdichtung 14 kann als separates Element
vorgesehen sein.
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9 zeigt
eine Querschnittsform 1 wie sie bei Bomben und Granatwerfermunition üblich ist. Hier
ist am Ende des Ventilationskanals 2 eine Steuerklappe 18 eingesetzt,
welche die meist passiven Leitwerke 13 entbehrlich macht
und überdies
eine Steuerungsmöglichkeit
eröffnet.
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10 zeigt
eine Ausführungsform
im Schnitt 1, bei der mehrere Ventilationskanäle separat durch den Flugkörper geführt sind.
Dies kann in Fällen,
bei denen ein zentraler Kanal nicht eingesetzt werden kann, eine
Alternative sein. Die Kanäle 2 können aber
auch hier durch Durchflussregelung zu Steuerungszwecken eingesetzt
werden.
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Zusammenfassend lässt sich sagen, daß mit der
Erfindung der Ventilation von Flugkörpern erhebliche Verbesserungen
der Reichweite, der Zielgenauigkeit, der Bahnstabilität, der Geräuscharmut
und der Steuerungsmöglichkeiten
erreicht werden. Diese Verbesserungen entstehen durch eine an kugelförmigen Modellen
nachgewiesene Widerstandsverminderung und Strömungsbeeinflussung mittels
der Ventilationsströmung
durch die Ventilationskanäle.
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Literatur
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Suryanarayana, G.K.; Pauer, H.; Meier, G.E.A.:
Passiv control of the wake of a sphere by ventilation. Proc. IUTAM
Conf. on Bluff-Body Wakes, Dynamics and Instabilities. Springer-Verlag,
1992, pp. 91–94
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Mei Lu: Widerstandsverminderung durch Ventilation
stumpfer Körper
bei höheren
Reynoldszahlen. DLR-Forschungsbericht 2001-28, 2001,