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Membranloses Schlauchstethoskop
Unter Auskultation versteht man bekanntlich
das Abhören der Herz- und Lungengeräusche und bedient sich zu diesem Zweck des vor
mehr als hundert Jahren von dem französischen Arzt Laennec erfundenen Hörrohres
(Holzstethoskop), einem etwa 25 cm langen durchbohrten Holzstab mit trichterförmigen
Erweiterungen an beiden Enden. Der Vorteil des Hörrohres liegt darin, daß sich klare
und gut deutbare Schallübertragungen von der Brustwand des zu Untersuchenden zum
Ohr des Arztes erzielen lassen, was wohl darauf zurückzuführen ist, daß die Schallenergie
sowohl unmittelbar durch das Holz des Hörrohres als auch mittelbar auf dem Wege
über die eingeschlossene Luft übertragen wird. Trotzdem zeigt sich beim Hörrohr
eine nur geringe I.autstärke, hinzu kommt eine Beeinträchtigung des freien Ohres
durch äußere Geräusche, die so weit gehen kann, daß wichtige Eindrückezur Beurteilung
verlorengehen. Nachteilig ist ferner eine gewisse Umständlichkeit bei der Untersuchung
von bettlägerigen Schwerkranken, die Langsamkeit und ermüdende Wirkung bei der Handhabung
be sonders dann, wenn viele Kranke nacheinander zu untersuchen sind.
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Um die Jahrhundertwende kam das sogenannte Schlauchstethoskop auf.
Es besteht aus einem kapselartigen, zur Anlage an die Brustwand gelangenden Körper,
häufig Körpertrichter, nachstehend Schallfänger genannt, mit einer Aushöhlung, die
über eine sich verzweigende Bohrung mit zwei zu den Ohren des Untersuchenden führenden
Schläuchen in lösbarer Verbindung steht. Der wesentliche
Unterschied
zwischen Hörrohr und Schlauchstethoskop liegt auf der Hand. Es fehlt beim letzteren
jeder feste Teil, der wie das Hörrohr Schallschwingungen unmittelbar von der Brustwand
zum Ohr übertragen könnte, und die gesamte Luftmasse, die in Schwingungen versetzt
werden muß, ist um ein Vielfaches größer als beim Hörrohr. Gleichwohl kann man beim
Schlauchstethoskop eine größere Lautstärke feststellen, zum mindesten ist durch
die Möglichkeit des beidohrigen Abhörens die Beeinträchtigung durch äußere Geräusche
gemildert oder beseitigt. Trotzdem hat bisher das Schlauchstethoskop nicht die Anerkennung
gefunden, die ihm, abgesehen von der besseren Lautstärke, zufolge seiner einfacheren
Handhabung gebührt. Es zeigt sich nämlich, daß beim Schlauchstethoskop die unerwünschten
niederfrequenten Geräusche, z. B. Muskelgeräusche, begünstigt und die gerade für
die Beurteilung wichtigen mittleren und hohen Frequenzen übertönt werden. Es hat
nicht an jahrelangen Versuchen theoretischer und gestaltender Art gefehlt, diesen
wesentlichen Nachteil des Schlauchstethoskopes zu beseitigen. Es sind zwar zahlreiche
Abänderungsvorschläge bekanntgeworden, die aber sämtlich darauf hinauslaufen, daß
der Aufbau des Gerätes verwickelt wird oder z. B. durch Einbau besonderer Einrichtungen,
die die niederfrequenten Geräusche dämpfen sollen, Schallenergie verlorengeht. Eine
einfache Vergrößerung des Durchmessers des Schallfängers, in dem ja die Umformung
der Schwingungen der Körpermasse in solche der Luft vor sich geht, führt nicht zum
Ziel, bringt vielmehr eine Reihe von schwerwiegenden Nachteilen mit sich. Man muß
nämlich nicht nur darauf achten, daß beim Aufsetzen des Schallfängers auf die Brustwand
ein genügender Luftabschluß auch bei mageren Kranken gewährleistet ist, wesentlich
ist vielmehr, daß eine Vergrößerung des Schallfängers und damit auch der schwingenden
Hautfläche gerade die Resonanzfrequenzlage ungünstig beeinflußt. Es werden zufolge
der großen Schwingungsweite vornehmlich die tiefenFrequenzen mit ihren zahlreichen
unerwünschten Nebengeräuschen lautstark übertragen und die wichtigen mittleren und
hohen Frequenzen nahezu unterdrückt. Dem Wunsch, in einem vergrößerten Schallfänger
möglichst viel an Schallenergie aufzufangen, steht demnach die seine Erfüllung hemmende
oder gar hindernde Schwierigkeit gegenüber, eine Resonanzlage zu erreichen, die
genü end hoch über den störenden Muskelgeräuschen liegt. Aus diesem Grunde können
auch neuere Schlauchstethoskope nicht befriedigen, deren Schallfänger parabolisch
ausgehöhlt und durch eine Membran (Gummi, Zelluloid u. dgl.) verschlossen ist, zumal
derartige Membranen empfindliche Teile sind, deren Spannung durch Altern nachläßt,
so daß häufige Ausw echselungen erforderlich werden.
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Die Erfindung hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Schlauchstethoskop
zu schaffen, das bei einfachster Bauweise, größtmöglicher Lebensdauer und hoher
Lautstärke doch das Erfassen der so wesentlichen hohen und mittleren Frequenzen
sichert. Die Erfindung geht aus von den als bekannt erwähnten membranlosen Schlauchstetboskopen
mit kapselartigem, einen Luftraum aufweisenden Schallfänger, an den den Schall weiterleitende
elastische Schläuche angefügt sind. Nach der Erfindung wird vorgeschlagen, dem Schallfänger
einen flachen, etwa tellerförmigen Luftraum zu geben und ihn innerhalb des letzteren
mit einemzweckmäßigzentrischen Vorsprung auszurüsten, der zugleich mit dem ringförmigen
Randwulst des Schallfängers zur Körperanlage gelangt. Der hauptsächliche Vorteil
des Schlauchstethoskops nach der Erfindung besteht in folgendem: Es gelingt, eine
große energiespendende Hautfläche zu erfassen, trotzdem aber durch den innerhalb
des Luftraumes vorgesehenen Vorsprung, der z. B. die Gestalt eines kleinen Kegels
mit stumpfer Spitze aufweisen kann, den wirksamen Radius der schwingenden Fläche
kleinzuhalten, also das Auftreten niederfrequenter Hautsebwingungen mit großer Amplitude
von vornherein zu unterdrücken.
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In Verbindung hiermit ergibt sich für die durch die flache Ausbildung
des Luftraumes kleingehaltene Luftmenge ein verhältnismäßig hoher Schwingungswiderstand,
der gerade den niederfrequenten Schwingungen entgegenwirkt und der Weiterleitung
der wichtigen hohen und mittleren Frequenzen zugute kommt. Auf die durch die Erfindung
gebotene eigenartige Weise erreicht man erstmals, die beiden einander widerstreitenden
Forderungen nach großer, Schall aufnehmender Fläche und andererseits gehörähnlicher
Schallübertragung zu erfüllen. Das ist sogar auch möglich bei großen Schlauchstethoskopen,
wie sie besonders für geburtshilfliche Zwecke Verwendung finden. In solchen Fällen
empfiehlt die Erfindung, den auch in diesem Falle flach gehaltenen Luftraum des
Schallfängers mehrfach, z. B. durch eine zweckmäßig zentrisch angeordnete vorspringende
Ringwulst, zu unterteilen, deren Durchmesser etwa halb so groß ist wie derjenige
des Schallfängers und der eine Aussparung zur Verbindung der Lufträume aufweist.
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Die Zeichnung läßt beispielsweise Ausführungsmöglichkeiten des Erfindungsgegenstandes
erkennen.
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Abb. I zeigt im Querschnitt nach Linie A-B der Abb. 2 einen neuen
Schallfänger mit einem zapfenartigen mittleren Vorsprung innerhalb des Luftraumes;
dazu stellt Abb. 2 eine Draufsicht dar; Abb. 3 veranschaulicht im Querschnitt, Linie
C-D der Abb. 4, einen Schallfänger größeren Ausmaßes mit ringförmigem Vorsprung
innerhalb des Luftraumes; hierzu ist Abb. 4 eine Draufsicht.
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Der Schallfänger nach .\kl,. i und 2 besteht aus einer äußerst einfach
gestalteten Dose a, die auf einer ihrer beiden Stirnseiten, mit der sie zur Anlage
an die Brustwand gebracht wird, mit einer flachen, tellerartigen Ausnehmung b versehen
ist.
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Der hierdurch geschaffene Luftraum des Schallfängers a geht, wie
an sich bekannt, in eine kurze Bohrungc über, die sich zu Kanälend innerhalb der
Anschlußstutzen e für die lösbare Befestigung der nicht dargestellten Abhörschläuche
verzweigt. Neben der flachen Ausbildung des Luftraumes b ist wesent-
lich
der kleine, zentrisch innerhalb desLuftraumes b angeordnete Vorsprung f, der beim
Ausführungsbeispiel die Gestalt eines Zapfens oder Kegels mit stumpfer Spitze aufweist.
Die Spitze des Zapfens f und der Auflagerand der Ringwulst g, der mit einer elastischen
Auflage versehen sein kann, liegen in einer Ebene, sie kommen also bei Gebrauch
des Stetlloskops gleichzeitig und gleichmäßig zur Anlage an die Hautfläche.
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Das Ausführungsbeispiel nach Abb. 3 und 4 zeigt einen ebenfalls sehr
einfach gestalteten Schallfänger n, der im Durchmesser und ähnlich auch in seinen
übrigen Abmessungen nicht ganz doppelt so groß ist wie derjenige nach Abb. I und
2. Der hierdurch ges chaffene größere Luftraum b, der auch hier über eineBohrungc
in dieAbleitungskanäled innerhalb der Schlauchstutzen e übergeht, ist ebenfalls
tellerartig flach gehalten und durch einen vorspringendenRingj1 in dieRäumeb und
i unterteilt. Beim .usführungsbeispiel (Al)b. 3 und 4) ist der Durchmesser des vorspringenden
Ringes je nicht ganz halb so groß wie derjenige des Schallfängers a. Eine Unterbrechung
lt im Ring f, sichert die Verbindung der beiden Lufträume b, i. Die Auflageflächen
am Ring f, und am äußersten Ringwulst g, der wiederum mit elastischem Stoff belegt
sein kann, liegen in einer Ebene. In dem Ring f, können natürlich auch mehrere Unterbrechungen
h vorgesehen sein, man kann statt eines ringförmigen Vorsprunges auf einem Kreisbogen
rund um die Achsmitte des Schallfängers a mehrere kleine Zapfen oder Kegel allor(lllen,
deren Abstand voneinander vorteilhaft nicht groß gewählt wird, damit der wirksame
ltaclius der schwingenden Hautfläche überall möglicht gleich groß ist. An Stelle
des ringförmigen v tersprunges J1 kann man auch einen solchen von l)ei spiel sweise
zwei sich kreuzenden vorspringenden t )pell wählen.
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Bezüglich der an sich ohne weiteres verständlichen Wirkungseise ist
im Anschluß an das bereits Gesagte nur noch darauf hinzuweisen, daß die flache Gestaltung
des Luftraumes b bzw. derLufträume b,i den Schwingungswiderstand der verhältnismäßig
kleinen eingeschlossenen Luftmenge erhöht, der wie ein Filter wirkt, die niederfrequenten
Schwingungen zurückhält, dagegen die mittleren und hohen Frequenzell durchläßt.
Zugleich verkleinert der Vorsl)rung f ltzw. j, trotz großer erfaßter Hautfläche
deren wirksamen Radius, was allein schon das Auftreten von langsamen Schwingungen
großer Weite verhindert oder wenigstens hemmt. Das Ergebnis ist eine große Lautstärke
mit Erfassung der erwünschtell hohen und mittleren Frequenzen, während tiefliegende
Geräusche etwa in Höhe des Skelettmuskeleigentons im wesentlichen vollkommen abgefangen
werden. Beim Gebrauch des Erfindungsgegenstandes ülterrascht, daß sehr helle Geräusche
die Auskultation neherrschen. Das leiseste Knistern über der Zunge wird so deutlich,
daß man es nicht überhören kann. I)as helle Geräusch des Bronchialatmens tritt schon
bei ganz geringer Beteiligung gegenüber den ihrigen ttemgeräuschen hervor. Bei den
Herzgeräuschen macht der dumpfe Charakter einem mehr klopfenden Platz, der infolge
der hervorragenden Frequenzlage jedes Begleitgeräusch verrät.
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Über den näheren Aufbau eines Schlauchstethoskops nach der Erfindung
wäre noch folgendes zu sagen: Bei einer erprobten Ausführung des Schallfängers a
nach Abb. I und 2 beträgt der lichte Durchmesser des Luftraumes b 28 mm, die Höhe
des Luftraumes etwa 3 mm. Die größere Ausführung nach Abb. 3 und 4 weist einen Luftraumdurchmesser
von 50 mm und eine Höhe der Ausnehmung b, i von etwa 5 mm auf. Der Ringwulst J1
umschließt eine Fläche von 24 mm Durchmesser. I)ie Bohrungen c haben eine lichte
Weite von 8 mm und die Kanäle e eine solche von rund 5 mm. Diese Maße können naturgemäß
abgeändert werden und sind im Sinne der Erfindung nur beispielsweise genannt. Bezüglich
der Gestaltung der Lufträume b bzw. b, i sei noch der Hinweis gestattet, daß man
naturgemäß mit derVerflachung nicht soweit gehen darf, daß die schwingende Hautfläche
an den Boden der Ausnehmung b bzw. b, i anschlägt. Die Übergänge von den Lufträumen
b und i zur Bohrung c und zu den Kanälen d brauchen nicht abgerundet zu sein, was
einer erleichterten Herstellung zugute kommt. Als Baustoff zur Anfertigung der Schallfänger
nach der Erfindung wird Metall empfohlen, das im Wege des Gießens, Spritzens, Pressens
o. dgl. geformt werden kann.
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Es sind aber nichtmetallischeBaustoffeverwendbar, wie solche keramischer
Natur oder Kunstharzbaustoffe, welch letztere sich bekanntlich ebenfalls gießen,
spritzen oder durch Preßdruck (gleichzeitige Anwendung von Hitze und Druck) verformen
lassen.
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Am günstigsten aber wirkt sich metallischer Baustoff aus, und zwar
wegen seines höheren spezifischen Gewichtes. Darin offenbart sich ein grundlegender
Unterschied gegenüber den Hörrohren.
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Diese übertragen die Schallschwingungen, wie erwähnt, zum Teil durch
das Holz selbst, das mit zum Schwingen kommt, weshalb Hörrohre möglichst leicht
gehalten werden sollten. Anders ist es bei Schlauchstethoskopen, bei denen Schallübertragung
lediglich auf dem Wege über die Luft in Frage kommt. Ein Mitschwingen des Schallfängers
würde die Übertragung der Luftschwingungen beeinträchtigen. Man wählt daher bei
Ausführung des Erfindungsgegenstandes vorteilhaft einen schweren Baustoff, um Eigenschwingungen
des Schallfängers auch bei loser Auflage auf den Brustkorb auszuschalten. Das erleichtert
die Handhabung und führt übrigens auch dazu, daß Nebengeräusche durch die haltende
Hand des Untersuchenden so gut wie ferngehalten werden.
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Hinsichtlich der an die Stutzen e anzuschließenden Ableitungsschläuche
ist Besonderes nicht zu sagen, da bei Verwendung von Schallfängern nach der Erfindung
auch die bekannten Ableitungsschläuche beibehalten werden können. Diese weisen an
ihren freien Enden zweckmäßig sogenannte Oliven auf, die den Luftabschluß im Ohr
begünstigen und durch einen Bügel gehalten werden. Ein Verzicht auf diese Bügel
weist sich in der Regel als wenig vorteilhaft aus. Der gesamte Schallweg vom Schallfänger
zum Ohr soll nicht mehr als 50 cm be-
tragen. Als lichte Weite des
Schlauchdurchmessers empfiehlt sich ein solcher von 5 mm. Die Schlauchwandung wird
zweckmäßig nicht weniger als 2 mm stark gewählt.