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Verfahren zur Behandlung von Saatgut Man beizt Saatgut, um anhaftende
Schmarotzerpilze abzutöten und um es auch vor tierischen Schädlingen zu schützen.
Als Beizmittel sind hauptsächlich Kupfer-, Quecksilber-und Arsenverbindungen, ferner
Cyanverbindungen und Teerpräparate im Gebrauch. Sitzen die Pilze im Innern des Kornes,
wie z. B. bei Flugbrand der Gerste und des Weizens, so beizt man das Saatgut mit
heißem Wasser. Die Beizmittel werden entweder in Form von Lösungen oder in trockenem
Zustand verwendet. - Inersterem Fall wird das Saatgut entweder auf einer Unterlage
aufgeschichtet und mit der Beizflüssigkeit besprüht (Benetzungsverfahren) oder in
die Flüssigkeit getaucht (Tauchverfahren). Pulverförmige Mittel werden mit dem Saatgut
gründlich gemischt. Feucht gebeiztes Gut muß innerhalb weniger Tage ausgesät werden;
nur das trocken gebeizte Gut kann beliebig lange gelagert werden.
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Unter den bekannten Entseuchungsmitteln findet man in der einschlägigen
Literatur auch Wasserstoffsuperoxyd angeführt. In dem Werke von Hollrung, »Die krankhaften
Zustände des Saatgutes«, Zgxg, ist auf Seite 271 unter den Ersatzmitteln zur Entseuchung
der Getreidesamen von Brandsporen Wasserstoffsuperoxyd mit dem Beisatz »Tauchbeize
z vH. 15 Minuten« genannt. Es ist ferner vorgeschlagen worden, bei Saatgut= beizen,
welche auf der Wirkung von Formaldehyd beruhen, sauerstoffabgebende Mittel, wie
Benzoylperoxyd, mitzuverwenden. Doch dienen diese Stoffe im =Rahmen des bekannten
Verfahrensausschließlich dazu, die nachteiligen Wirkungen des Formaldehyds zu beseitigen.
Formaldehyd - ist bekanntlich zwar ein gutes Mittel zur Desinfektion und Vernichtung
von Schädlingen, schädigt aber die Keimfähigkeit der Samen, besonders die von empfindlichen
Getreidearten. Um diese nachteilige Nebenwirkung einzudämmen, wird der Formaldehyd
während der Behandlung durch sauerstoffabgebende Mittel zu Ameisensäure oxydiert.
Die sauerstoffabgebenden Mittel werden also in diesem Falle durch chemische Umsetzung
verbraucht.
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Gemäß der vorliegenden Erfindung wird das Saatgut einer lange andauernden
Behandlung mit Wasserstoffsuperoxyd, Peroxyden oder Persalzen in Form einer Lösung
oder einer Suspension oder in Form eines trockenen Pulvers unterworfen. Diese Behandlung
ist nicht als ein bloßes Beizen anzusehen, wenn auch zugleich eine Entfernung und
Vernichtung von Pflanzenschädlingen erzielt wird. .
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Dem neuen Verfahren liegt die überraschende Erkenntnis zugrunde, daß
durch die lange andauernde Behandlung mit den - genannten Mitteln vor allem eine
Hebung der Keimungsenergie, eine Belebung und Kräftigung der Samen erzielt wird,
so daß die Entwicklung nach der Aussaat so rasch erfolgt, als es bei den gegebenen
Bodenverhältnissen
möglich ist, ohne daß aber das Wachstum in der Art der Reizdüngung übermäßig. beschleunigt
wird, was ein Absterben der jungen Pflanzen zur Folge haben kann. Diese Wirkung
tritt bei allen Boden- und Wetterverhältnissen ein. Die Pflanzen gedeihen nach den
bereits vorliegenden Vergleichsversuchen stets besser als bei der Aussaat nicht
oder in anderer Weise behandelter Samen. Die gleichzeitig auftretende Reinigung
der Samen dürfte zum Teil darauf beruhen, daß bei der Katalyse der sauerstoffabgebenden
Mittel die Oberfläche der Samen von der Schleim- und Gummischichte, an welcher die
Schädlinge haften, befreit wird, wodurch diese die Bindung an den Samen verlieren
und der Einwirkung der angewendeten Mittel leichter unterliegen.
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Die Behandlung gemäß der Erfindung kann sowohl nach dem Benetzungsverfahren
oder Tauchverfahren als auch nach dem Trockenbeizverfahren erfolgen. Im ersteren
Falle werden zur Behandlung des Saatgutes verdünnte wässerige Wasserstöffsuperoxydlösungen
verwendet; auch eine wässerige Aufschlämmung von Peroxyden oder Persalzen kann hierzu
Verwendung finden. Für das trockene Verfahren kommen feste Peroxyde oder Persalze
in Betracht, wie z. B. Magnesiumsuperoxyd, Calciumsuperoxyd, Bariumsuperoxyd oder
auch feste organische Perverbindungen. Die Trockenbehandlung wird vornehmlich dann
vorgenommen, wenn das Gut gelagert werden soll, da sie geeignet ist, dumpfen Geruch
von Samen zu entfernen und ihre Lagerfähigkeit zu, verbessern.
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Zur Durchführung des Verfahrens werden die Samen in einem großen Bottich
mit der Flüssigkeit vollkommen bedeckt oder auch nur mit so viel Flüssigkeit zusammengebracht,
daß sie benetzt sind, worauf das Gut bewegt wird. Es kann aber auch so vorgegangen
werden, daß das Saatgut mit Hilfe einer Brause oder eines Zerstäubers in loser Aufschüttung
behandelt und dann öfter umgeschaufelt wird. Die Behandlung mit in Wasser suspendierten
oder mit trockenen Perverbindungen erfolgt vornehmlich nach der zweiten Art. Die
trockene Behandlung kann beim üblichen Umschaufeln einmal oder auch mehrmals vorgenommen
werden.
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Die Konzentration der Wasserstoffsuperoxydlösung wird in den meisten
Fällen zwischen 0,5
und 2°/o 11,0, zu wählen sein, man kann aber diese Konzentration
auch unter- oder überschreiten, wenn die Natur oder Beschaffenheit der Samen dies
erfordert. Bei Verwendung fester Perverbindungen kann die Menge nach Maßgabe der
äußeren Umstände (Natur und Beschaffenheit der Samen, Schichthöhe usw.) in weiten
Grenzen schwanken.
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Die Behandlungsdauer ist nach der Natur und Beschaffenheit der Samen
verschieden; sie kann 12 bis 24 Stunden betragen. Leicht zugängliche Samen, d. h.
solche, deren Hülle leicht durchdrungen wird, benötigen in der Regel eine kürzere
Behandlungszeit. In einigen Fällen wurden mit einer dreistündigen Behandlungsdauer
ausgezeichnete Ergebnisse erzielt. Längere Behandlungszeiten werden bei der Behandlung
solcher Samen benötigt, bei denen erst eine längere Einwirkung imstande ist, die
äußere Hülle, z. B. unter Quellung, durchlässig zu machen. Wesentlich ist aber in
allen Fällen, .daß es nicht bei einer nur oberflächlichen Einwirkung auf die an
der Hülle haftenden Pflanzenschädlinge bleibt.
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Wenn von Samenschädlingen besondere Gefahr droht, so kann die beschriebene
Behandlung unter Zusatz eines bekannten Beizmittels (z. B. Sublimat, Kupfersulfat,
Kalkmilch) vorgenommen werden. Wo es die Verhältnisse erfordern, kann mit der beschriebenen
Behandlung auch eine Düngung verbunden werden, z. B. in der Weise, daß man der Lösung,
die auch Desinfektionsmittel enthalten kann, lösliche Nährsalze in Form von Phosphaten,
Kalisalzen und Nitraten zusetzt. Beispiel r 25 kg Weizen wurden mit 2o 1 einer 1,5
°/oigen Wasserstoffsuperoxydlösung ohne weiteren Zusatz in einem Bottich gebeizt.
Die Dauer der Behandlung betrug 2o Stunden, die Temperatur betrug 2o' C. Der so
behandelte Weizen wurde, ohne getrocknet zu werden, im Herbst ausgesät. Im Frühjahr
entwickelte sich die Saat nahezu doppelt so rasch wie diejenige im Vergleichsfeld
desselben Ackers, auf welchem mit Kalkmilch gebeizter Weizen auf gleich großer Fläche
angesät war.
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Auch später zeigten sich Unterschiede, indem der mit Wasserstoffsuperoxyd
gebeizte Weizen im Halm kräftigere Pflanzen lieferte. Überdies war eindeutig eine
bessere Entwicklung der Ähren und der Körner festzustellen. Der Ertrag war um etwa
2o °/, höher als beim Vergleichsfeld. Ferner war die Arbeit des Mähers durch den
starken Bau der Pflanzen erleichtert. Beispiel 2 Zoo g Bohnen wurden vor der Aussaat
mit 50 ccm 2 °/oiger Wasserstoffsuperoxydlösung 15 Stunden behandelt. Ein
Vergleichsversuch wurde mit der gleichen Menge Wasser, wie dies allgemein üblich
ist, angesetzt.
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Die mit Wasserstoffsuperoxyd behandelten Bohnen gingen um 4 Tage früher
auf und zeigten eine viel kräftigere Entwicklung nach kurzer Zeit. Die bessere Entwicklung
hielt die ganze Zeit über an, und die im gleichen Feld angesetzten Reihen ergaben
einen wesentlich höheren Ertrag, als die Vergleichsreihen mit den nur mit Wasser
geweichten Bohnen.
Beispiel 3 Gurkensamen, in gleicher Weise behandelt
wie die Bohnen nach Beispiel?, zeigten ebenfalls ein früheres Aufgehen und
entwickelten sich stärker. Beispiel q. i kg Calciumsuperoxyd mit 8"/,) aktivem Sauerstoff
wurde mit io 1 Wasser aufgeschlämmt. 2o kg Roggensamen wurden mit io 1 dieser Aufschlämmung
in loser Aufschüttung bei gewöhnlicher Temperatur behandelt. Eine gleiche Menge
Samen wurde mit Kupfersulfatlösung und darauf mit Kalk behandelt. Die Aussaat erfolgte
ohne Waschen oder Trocknen im gleichen Acker. Auch in diesem Falle konnte auf dem
Versuchsfeld festgestellt werden, daß der mit Calciumsuperoxyd gebeizte Samen einen
um etwa 2o °/o höheren Ertrag liefert. Anläßlich eines Hagelwetters erwiesen sich
die Pflanzen der mit Superoxyd gebeizten Samen infolge der kräftigeren Entwicklung
viel widerstandsfähiger, und die Ausreife war daher eine viel bessere als beim Vergleichsfeld.
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Es ist bekannt, daß die Keimung von Samen durch Lüften oder Zuführung
von Sauerstoff angeregt wird, und es ist auch schon festgestellt worden, daß die
Keimfähigkeit einer an sich gut keimenden Gerste, die durch Lagerung noch nicht
die volle Keimfähigkeit erlangt hat, durch eine Weiche in einer i °/oigen Wasserstoffsuperoxydlösung
gesteigert werden kann und auch die Keimfähigkeit einer schlecht keimenden Gerste
durch eine Weiche gleicher Art verbessert wird, wobei durch diese Behandlung nebenbei
eine günstige Einwirkung auf die Farbe und den Geruch des Keimgutes sowie eine gewisse
Sterilisierung erzielt wird. Auf Grund dieser Beobachtungen wurde die Wasserstoffsuperoxydweiche
als ergänzende Keimprobe beim Einkauf von für die Malzbereitung bestimmter Gerste
empfohlen sowie auch als Hilfsmittel, um schlecht keimende Gerste nach kürzerer
Lagerung vermälzen zu können und dadurch vor weiterer Verschlechterung zu bewahren.
Diese Feststellungen auf dem Gebiete der Malzbereitung wiesen jedoch nicht ohne
weiteres darauf hin, daß eine Behandlung von Samen mit Wasserstoffsuperoxyd für
landwirtschaftliche Zwecke vorteilhaft oder auch nur zweckmäßig sein würde. Zwischen
den Erfordernissen der Malzbereitung und der Keimung der Samen im Boden zum Zwecke
der Fruchtbildung bestehen sehr wesentliche Untgrschiede.:;Es=wär durchaus möglich,
ja sogar zu-befürchten,rdaß die durch die Behandlung mit Wässerstoffsüperoxyd künstlich
gesteigerte Keimfähigkeit, statt zu reichlicherer Fruchtbildung zu führen, diese
eher schädigen würde. Die vorgenommenen Versuche zeigen überraschenderweise, daß
dies nicht der Fall ist. Die mit Wasserstoffsuperoxyd (oder Peroxyden oder Persalzen)
behandelten Samen passen sich nach der Aussaat an die gegebenen Boden- und Witterungsverhältnisse
weitgehend an. Die entwickelten Pflanzen sind kräftig im Halm, und es zeigt sich
im gleichen Maße mit dieser Entwicklung auch eine bessere Fruchtbildung. Erst diese
Feststellungen konnten zu dem Vorschlag führen, Saatgut mit Wasserstoffsuperoxyd
zu behandeln.
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Veröffentlicht ist ferner, daß mehrere Jahre alter Kressesamen, der
die Keimfähigkeit bereits eingebüßt hatte, durch Einwirkung von Wasserstoffsuperoxyd
zum Keimen gebracht werden konnte, und daß auch bei gut keimendem Kressesamen der
letzten Ernte unter diesem Einfluß ein schnelleres Wachstum der Keime zu beobachten
war. Die Keimung mußte jedoch in dauernder Berührung mit Wasserstoffsuperoxyd vor
sich gehen, eine vorübergehende, wenn auch sehr lange anhaltende Behandlung genügte
nicht. Außerdem war die Keimung bei erhöhter Temperatur Voraussetzung für eine günstige
Einwirkung. Es wurde angenommen, daß die Gegenwart von Wasserstoffsuperoxyd bei
der Keimung in der Kälte nutzlos sei, ja bei gut keimendem Samen sogar die Keimung
verzögere, was auf seine leichte Giftigkeit zurückgeführt wurde.