Beschreibung
Verfahren und Anordnung für die Lokalisierung von Kurzschlüssen in Energiever- sorqungsnetzen
Die Erfindung betrifft ein Verfahren und eine Anordnung zur Bestimmung der Richtung von Überströmen in Energieversorgungsnetzen, insbesondere in Mittelspannungsnetzen.
In Energieversorgungsnetzen, auch als elektrischen Verteilungsnetze bezeichnet, werden Ortsnetz- bzw. Umspannstationen zur Transformation und Verteilung des elektrischen Stromes eingesetzt. Die Ortsnetz- bzw. Umspannstationen, welche eine Mittelspannungs- und Niederspannungsebene eines Stromnetzes miteinander verbinden, sind üblicherweise aus einer Mittelspannungsschaltanlage, einem Transformator und einer Niederspannungsverteilung aufgebaut. Um Kurzschlüsse im Mittelspannungsnetz zu lokalisieren, werden in den Ortsnetzstationen Kurzschlussanzeiger eingebaut, die einen auftretenden Überstrom anzeigen.
Ein eindeutig gerichteter Lastfluss und radial betriebene Netze führen bisher zu einer eindeutigen Richtung der Kurzschlüsse in den Energieversorgungsnetzen, so dass eine Fehlerstelle mit den Kurzschlussanzeigern eingegrenzt werden kann. Werden Mittelspannungsnetze in geschlossenen Ringen bzw. als vermaschtes Netz (d.h. in diesem Netz ist jeder Netzwerkknoten mit einem oder mehreren anderen Netzwerkknoten verbunden) betrieben, können auftretende Kurzschlüsse von unterschiedlichen Richtungen gespeist werden.
Des Weiteren führen dezentrale Anlagen zu veränderten Lastflüssen und können ebenfalls einen Beitrag zum Überstrom liefern. In beiden Fällen reicht eine reine Überstromerkennung zur eindeutigen Fehlerorteingrenzung nicht aus. Eine eindeutige Lokalisierung des fehlerbehafteten Netzabschnittes kann jedoch durch Hinzunahme der Richtungsinformation des Kurzschluss- oder Überstromes erreicht werden. Hierzu nutzen neuere Kurzschlussanzeiger den kapazitiven Abgriff der Mittelspannungsschaltanlage, der im eigentlichen Sinne nur zur Feststellung der Spannungsfreiheit vorgesehen ist, für eine Spannungsmessung mit geringer Messgüte. Ist ein kapazitiver Abgriff, insbesondere in luftisolierten Anlagen, nicht vorhanden, kann keine Richtungserkennung des Kurzschluss- oder Überstromes erfolgen.
Es ist daher Aufgabe der vorliegenden Erfindung, ein Verfahren und eine Anordnung zur Bestimmung der Richtung von Überströmen in Energieversorgungsnetzen, insbesondere in Mittelspannungsnetzen, anzugeben, mit denen eine zuverlässige Eingrenzung eines Fehlerortes bedingt durch einen Kurzschluss- oder Überstrom ermöglicht ist, insbesondere auch dann, wenn die Schaltanlagen des Energieversorgungsnetzes keinen kapazitiven Abgriff aufweisen.
Diese Aufgabe wird durch das Verfahren zur Bestimmung der Richtung von Überströmen in einem Energieversorgungsnetz gemäß Anspruch 1 sowie durch die Anordnung gemäß dem nebengeordneten Anspruch 7 gelöst.
Vorteilhafte Ausgestaltungen sind in den abhängigen Ansprüchen angegeben.
Gemäß der Erfindung ist ein Verfahren zur Bestimmung der Richtung von Überströmen in einem Energieversorgungsnetz vorgesehen, welche ein Mittelspannungsnetz und ein Niederspannungsnetz, auch Mittelspannungs- und Niederspannungsebene genannt, über einen Transformator miteinander verbindet, wobei der zwischen der Mittelspannungsebene und der Niederspannungsebene angeordnete Transformator die Mittelspannung in eine Niederspannung transformiert.
Das erfindungsgemäße Verfahren umfasst die nachfolgenden Schritte.
In einem ersten Schritt wird in mindestens einem Abgang der Mittelspannungsebene mittels eines ersten Messumformers eine Strommessung sowie in der Niederspannungsebene des Transformators oder einer nachgeordneten Niederspannungsverteilung eine Spannungsmessung durchgeführt und ein Überstrom detek- tiert. Dabei werden zur Strommessung beispielsweise Stromwandler oder Stromsensoren eingesetzt. Die Spannungsmessung in der Niederspannungsebene kann in vorteilhafter Weise durch eine direkte Aufnahme der Spannung in einem Messumformer oder einer verarbeitenden Einheit erfolgen. Ein Spannungswandler oder Spannungssensor wird nicht benötigt.
In einem zweiten Schritt werden aus der Strom- und Spannungsmessung die Phasenlage zwischen dem in der Mittelspannungsebene 1 gemessenem Stroms und der gemessenen Spannung in der Niederspannungsebene 3 ermittelt.
Nun wird im ersten Messumformer oder in einer damit zusammenwirkenden Verarbeitungseinheit, beispielsweise einer Fernwirkeinheit, in einem weiteren Schritt unter Berücksichtigung der Phasendrehung des Transformators die Phasenlage zwischen dem in der Mittelspannungsebene gemessenem Stromes und der gemessenen Spannung in der Niederspannungsebene dahingehend ausgewertet, dass daraus die Richtung des Überstromes bestimmt wird und der bestimmte Richtungsentscheid in Abhängigkeit der Phasendrehung des Transformators korrigiert wird. Je nach Bezugssystem kann sich der Fehler vor oder hinter der Messstelle befinden. Diese Richtung ist anhand des Wertes der Phasenlage zu bestimmbar.
Zur einer genaueren Richtungsbestimmung des Überstromes kann in einer Ausgestaltung der Erfindung im ersten Messumformer oder der Verarbeitungseinheit ein Korrekturwinkel, der beispielsweise den Leitungswinkel berücksichtigt, eingestellt
werden. Der Leitungswinkel berücksichtigt die Phasendrehung des Stromes, die durch die Leitungsimpedanz verursacht wird.
In einer weiteren verbesserten Ausführungsform des erfindungsgemäßen Verfahrens ist ein zweiter Messumformer an der Niederspannungsebene des Transformators angeordnet, mit dem eine zusätzliche Strom- und Spannungsmessung an der Niederspannungsebene durchgeführt wird, wobei aus der zusätzlichen Messung ein Leistungsfluss über dem Transformator und damit eine lastabhängige Spannungsdifferenz aus dem Betrag des Leistungsflusses und dem Phasenwinkel bestimmt wird. Dies erfolgt unter Verwendung eines in der Verarbeitungseinheit implementierten Transformatorersatzschaltbildes oder Transformatormodelles. Mit dem bestimmten Phasenwinkel kann die Phasenlage zwischen Mittelspannungs- Strom und der Spannung in der Niederspannungsebene zusätzlich korrigiert werden, was insbesondere dann relevant ist, wenn auch im Kurzschlussfall ein Last- fluss über den Transformator, beispielsweise durch im Versorgungsnetz angeordnete dezentrale Energieanlagen erfolgt und dadurch eine nicht zu vernachlässigende Winkeldrehung entsteht.
Alternativ zur Nutzung der Phasenlage zwischen dem gemessenen Strom und der gemessenen Spannung kann mit dem vorab beschriebenen Verfahren auch der Leistungsfluss und damit die Leistungsflussrichtung im Mittelspannungsnetz bestimmt werden. Auf Basis der Leistungsflussrichtung kann ebenfalls ein Richtungsentscheid betreffend der Richtung des Überstromes bestimmt werden, wobei sich der Fehler in Speiserichtung der Leistung befindet.
In einer weiteren Ausgestaltung des erfindungsgemäßen Verfahrens wird eine Fortschreibung der Spannung vor dem Kurzschlusseintritt bzw. dem Eintritt des Überstromes in einem im Messumformer integrierten Speicher oder der Verarbeitungseinheit durchgeführt und daraus die Richtung des Stromes auf Basis dieser abgespeicherten Werte ermittelt, wodurch die Zuverlässigkeit der Richtungsbestimmung bei sehr kleinen Spannungswerten in vorteilhafter Weise erhöht wird.
Gemäß einem weiteren Aspekt der Erfindung ist eine Anordnung zur Bestimmung der Richtung von Überströmen in einem Energieversorgungsnetz mit wenigstens einer Ortsnetz- bzw. Umspannstation, welche eine Mittelspannungs- und Niederspannungsebene über einen Transformator miteinander verbindet, vorgesehen.
Die erfindungsgemäße Anordnung ist mit einem ersten Messumformer ausgestattet, in dem eine Überstromerkennung und eine Richtungsbestimmung des Stromes in der Mittelspannungsebene implementiert sind.
Der erste Messumformer ist in mindestens einem Abgang der Mittelspannungsebene angeordnet und führt eine Strommessung auf der Mittelspannungsebene sowie eine Spannungsmessung auf der Niederspannungsebene des Transformators durch und detektiert daraus einen anstehenden Überstrom.
Der erste Messumformer oder eine damit zusammenwirkenden Verarbeitungseinheit ermittelt aus der Strom- und Spannungsmessung die Phasenlage zwischen Strom und Spannung oder einen Leistungsfluss in der Mittelspannungsebene und wertet unter Berücksichtigung der Phasendrehung des Transformators die Phasenlage oder den Leistungsfluss aus und bestimmt daraus die Richtung des Überstromes.
Gemäß einer vorteilhaften Ausführungsform der erfindungsgemäßen Anordnung ist ein zweiter Messumformer vorgesehen, der mit dem ersten Messumformer zusammenwirkt und eine zusätzliche Strom- und Spannungsmessung an der Niederspannungsebene des Transformators ausführt. Aus dieser Messung ist dann ein Leistungsfluss über dem Transformator und damit eine lastabhängige Spannungsdifferenz aus dem Betrag des Leistungsflusses und dem Phasenwinkel bestimmbar.
Die Strommessungen der Messumformer sind als Stromwandler oder Stromsensoren ausgeführt.
Erfindungsgemäß sind der erste Messumformer und/oder der zweite Messumformer zur Eingrenzung eines Fehlerortes im Energieversorgungsnetz per Ferndiagnose über eine Kommunikationseinheit mit einer Netzleitstelle oder einem, beispielsweise als Leit/Steuersystem ausgeführtem, übergeordneten System verbunden, welches die vom Messumformer oder von der Verarbeitungseinheit der Ortsnetz- bzw. Umspannstation bereitgestellten Messwerte oder Meldungen zur Richtung des Überstromes zur weiteren Verarbeitung empfängt. So kann beispielsweise ein Leitsystem aus den empfangenen Meldungen aus mehreren Ortsnetz- bzw. Umspannstationen automatisch den Fehlerort mittels einer hinterlegten Netztopo- logie eingrenzen, daraus Schalthandlungen zur Freischaltung betroffener Netzteile und eine Wiederversorgung nicht-betroffener Netzteile vorschlagen oder diese automatisiert ausführen.
Die Kommunikationseinheit ist vorzugsweise in einem separaten Gerät untergebracht, kann aber auch in die Verarbeitungseinheit integriert sein.
In einer Ausgestaltung der erfindungsgemäßen Anordnung zur Lokalisierung von Kurzschlüssen in der Mittelspannungsebene des Energieversorgungsnetzes ist die Ortsnetz- bzw. Umspannstation mit einer Anzeigevorrichtung ausgestattet, welche die aus den Messwerten gewonnenen Daten oder Meldungen zur Richtung des Überstromes visualisiert und, beispielsweise einem zur Umspannstation entsendeten Entstörtrupp, zur Verfügung gestellt werden.
Anhand von dem in der Figur 1 dargestellten Ausführungsbeispieles der erfindungsgemäßen Anordnung sollen die Erfindung sowie vorteilhafte Ausgestaltungen und Verbesserungen der Erfindung näher erläutert und beschrieben werden.
In der einzigen Figur 1 ist schematisch ein Teilbereich eines Energieversorgungsnetzes dargestellt, welches auch dezentrale Energieanlagen umfassen kann, mit einer Mittelspannungsebene 1 und einer Niederspannungsebene 3.
Das Mittelspannungsnetz ist über eine Umspannstation, die als Hauptkomponente einen hier dargestellten Transformator 4 aufweist, der höhere Spannungen von der Mittelspannungsebene 2 zu niedrigeren Spannungen der Niederspannungsebene 3 transformiert.
Die Umspannstation zwischen der Mittelspannungsebene 1 und der Niederspannungsebene 3 wird auch als Ortsnetzstation bezeichnet, da diese nahe der Haushalte in Ortschaften angeordnet ist und eine Netzspannung für End-Verbraucher bereitstellt.
In einem Abgang der Mittelspannungsebene 1 wird der Strom mittels eines ersten Messumformers 2 gemessen und ein Überstrom detektiert. Gleichzeitig führt der erste Messumformer 2 eine Spannungsmessung auf der Niederspannungsebene 3 des Transformators 4 oder in einer nachgeordneten Niederspannungsverteilung durch. Mittels der beiden Messungen wird nun die Phasenlage zwischen gemessenem Strom und gemessener Spannung bestimmt. Nun wird innerhalb des ersten Messumformers 2 oder in einer mit dem ersten Messumformer 2 verbundenen weiterverarbeitenden Einheit 5, beispielsweise in einer Fernwirkeinheit, unter Berücksichtigung der Phasendrehung des Transformators 4 die Phasenlage ausgewertet und daraus die Richtung des Überstromes bestimmt.
Zur verbesserten Richtungsbestimmung kann außerdem der Korrekturwinkel, der beispielsweise den Leitungswinkel berücksichtigt, nicht nur im ersten Messumformer 2 sondern auch in der weiterverarbeitenden Einheit 5 eingestellt werden.
Optional weist die erfindungsgemäße Anordnung für eine zusätzliche Strom- und Spannungsmessung einen zweiten Messumformer 6 auf, der an der Niederspan-
nungsebene 3 des Transformators 4 angeordnet ist und mit dem ersten Messumformer 2 und der Verarbeitungseinheit 5 zusammenwirkt.
Erfindungsgemäß wird durch die Messung von Strom und Spannung auf der Niederspannungsebene 3 die lastabhängige Spannungswinkeldifferenz über dem Transformator 4 bei der Richtungsbestimmung berücksichtigt. Dabei erfolgt die Messung über den Messumformer 6 und die korrigierte Richtungsbestimmung in der weiterverarbeitenden Einheit 5.
Die Richtungsbestimmung erfolgt mittels der Leistungsrichtung am Transformator 4. Dabei wird die Leistung aus den Strom- und Spannungsmessungen der Niederspannungsebene 3 und der Strommessung auf Mittelspannungsebene 2 unter Berücksichtigung der Kenndaten des Transformators 4 in der weiterverarbeitenden Einheit 5 bestimmt.
Der zweite Messumformer 6 ermittelt den Leistungsfluss über den Transformator 4 und damit die lastabhängige Spannungsdifferenz, die sich aus dem Betrag des Leistungsflusses und dem Phasenwinkel ergibt. Zur Ermittlung der lastabhängige Spannungsdifferenz werden die Werte der zusätzlichen Strom- und Spannungsmessung durch den zweiten Messumformer 6 der weiterverarbeiteten Einheit 5 zugeführt, in der ein Transformatorersatzschaltbild oder Transformatormodell implementiert sind.
Mit dem bestimmten Phasenwinkel kann die Phasenlage zwischen dem in der Mittelspannungsebene 1 fließendem Strom und der Spannung in der Niederspannungsebene 3 zusätzlich korrigiert werden. Dies ist insbesondere relevant, wenn auch im Kurzschlussfalle ein Lastfluss über den Transformator 4, beispielsweise verursacht durch dezentrale Energieanlagen, erfolgt und dadurch eine nicht zu vernachlässigende Winkeldrehung der Phasenlage entsteht.
Erfindungsgemäß sind im ersten Messumformer 2 eine Überstromerkennung und eine Richtungsbestimmung des Stromes implementiert. Dabei sind die Phasendrehung des Transformators und ein zusätzlicher Korrekturwinkel parametrierbar.
Bezuqszeichenliste
Mittelspannungsnetz, Mittelspannungsebene
erster Messumformer
Niederspannungsnetz, Niederspannungsebene
Transformator zur Transformation der Mittelspannung in eine Niederspannung
Verarbeitungseinheit, weiterverarbeitende Einheit
zweiter Messumformer
Kommunikationseinheit