Die Erfindung betrifft ein Verfahren zur Steuerung mindestens eines Parameters
der Atemgasversorgung einer Beatmungsvorrichtung mit einem daran ange
schlossenen Patienten sowie eine entsprechende Vorrichtung zur Steuerung.
Die Parameter der Atemgasversorgung durch die Beatmungsvorrichtung wie
beispielsweise der Beatmungsdruck, der Atemgasstrom oder die
Beatmungsfrequenz werden in der Regel zuvor festgelegt und dann in größeren
zeitlichen Abständen auf ihre Gültigkeit hin überprüft. Ändert sich der
Beatmungsbedarf des Patienten, so findet dies während der Behandlung dann
Berücksichtigung, wenn nach einer neuerlichen Überprüfung des
Beatmungsbedarfs die Parameter der Atemgasversorgung entsprechend
angepasst werden. Es ergibt sich daher eine Atemgasversorgung, die unter
Umständen nicht ununterbrochen an den aktuellen Bedürfnissen des Patienten
orientiert ist.
Aus der DE 198 08 543 C2 ist ein Verfahren bekannt, durch das sowohl bei
Spontanatmung als auch bei maschineller Beatmung die mechanischen
Eigenschaften Compliance, Resistance und schließlich der Muskeldruck des
respiratorischen Systems eines Patienten bestimmt werden können, wobei seine
Atmung nur minimal gestört wird. Die Compliance ist der Quotient aus dem
verschobenen Atemgasvolumen und der Änderung des Atemwegdrucks, die
Resistance ist der Quotient aus der Änderung des Atemwegdrucks und der
Änderung des Atemgasstroms. Unter dem Muskeldruck versteht man den durch
die Eigenanstrengung des Patienten verursachten Anteil am Atemwegsdruck. Mit
dem Verfahren ist es möglich, eine kontinuierliche Ermittlung des Muskeldrucks
des Patienten und somit eine Überwachung der Stärke seiner Spontanatmung
durchzuführen. Zu diesem Zweck wird zu verschiedenen Zeitpunkten während
einzelner Atemhübe für kurze Zeit eine Okklusion herbeigeführt, während der die
Beatmung beziehungsweise Spontanatmung des Patienten durch Schließen
entsprechender Ventile an einem zum Patienten führenden Atemschlauch
unterbrochen wird. Aus den gemessenen Werten für den Atemwegsdruck und den
Atemgasstrom lassen sich die mechanischen Eigenschaften der Lunge
bestimmen. Aus diesen Größen wiederum ermittelt man den Muskeldruck.
Aufgabe der vorliegenden Erfindung ist es, ein Verfahren sowie eine Vorrichtung
zur Steuerung mindestens eines Parameters der Atemgasversorgung für einen
Patienten anzugeben, welche dem aktuellen Zustand seines respiratorischen
Systems Rechnung trägt.
Die Aufgabe wird gelöst durch ein Verfahren mit den Schritten von Anspruch 1 und
ein Verfahren mit den Schritten von Anspruch 9 sowie eine Vorrichtung mit den
Merkmalen von Anspruch 8.
Erfindungsgemäß werden dabei die gemessenen Werte für den Atemwegsdruck
PAW und den Atemgasstrom d/dt V kontinuierlich zur Bestimmung der
mechanischen Eigenschaften des respiratorischen Systems des Patienten, das
heißt der Resistance RL und der Compliance C seiner Lunge, und schließlich für
die Ermittlung des Muskeldrucks PMUS herangezogen.
Bei dem Verfahren zur Steuerung mindestens eines Parameters der
Atemgasversorgung einer Beatmungsvorrichtung mit einem daran
angeschlossenen Patienten erfolgt während einer ersten Exspirationsphase eine
kurzzeitige Störung der Atemgasversorgung. Vor und während der Störung
werden jeweils der Atemwegsdruck PAW und der Atemgasstrom d/dt V gemessen.
Daraus wird die Resistance RL der Patientenlunge bestimmt.
Während einer zweiten, ungestörten Exspirationsphase werden ebenfalls der
Atemwegsdruck PAW und der Atemgasstrom d/dt V gemessen. Aus diesen Werten
sowie aus der im vorangegangenen Schritt bestimmten Resistance RL wird die
Compliance C der Patientenlunge bestimmt.
In den darauffolgenden Atemzügen wird jeweils der Atemgasstrom d/dt V
gemessen. Zusammen mit den zuvor bestimmten Werten für die Resistance RL
und die Compliance C wird daraus ein Atemwegsdruck PAWC berechnet.
Anschließend wird der Muskeldruck PMUS, das ist der durch die Eigenanstrengung
des Patienten verursachte Anteil am Atemwegsdruck, als Differenz aus dem
berechneten Atemwegsdruck PAWC und dem tatsächlich gemessenen
Atemwegsdruck PAW ermittelt. In Abhängigkeit von dem ermittelten Muskeldruck
PMUS erfolgt nun die eigentliche Steuerung. Dabei wird der mindestens eine
Parameter der Atemgasversorgung so verändert, dass die Atemgasversorgung
während der weiteren Inspirationsphasen erhöht wird, wenn der Muskeldruck PMUS
über einem Sollwert P0 liegt, und es wird der mindestens eine Parameter der
Atemgasversorgung so verändert, dass die Atemgasversorgung während der
weiteren Inspirationsphasen vermindert wird, wenn der Muskeldruck PMUS unter
dem Sollwert P0 liegt, solange, bis der Muskeldruck PMUS den Sollwert P0 erreicht
hat.
Erhält man auf diese Weise beispielsweise einen positiven Wert für PMUS während
der Inspirationsphasen und einen Wert von PMUS nahe bei Null in den
Exspirationsphasen, so ist das ein Hinweis darauf, dass ein größerer
Beatmungsdruck oder Atemgasstrom für eine erhöhte Atemgasversorgung
erforderlich ist. Ist PMUS darüber hinaus schon positiv vor dem Beginn einer
Inspirationsphase, so ist unter Umständen eine Erhöhung der Beatmungsfrequenz
zweckmäßig.
In einer bevorzugten Ausführungsform des Verfahrens handelt es sich bei dem
mindestens einen Parameter um den Beatmungsdruck, das ist der durch die
Beatmungsvorrichtung erzeugte Atemwegsdruck. Darüber hinaus können als
Parameter der durch die Beatmungsvorrichtung erzeugte Atemgasstrom sowie die
von der Beatmungsvorrichtung vorgegebene Beatmungsfrequenz herangezogen
werden. Die kurzzeitige Störung der Atemgasversorgung des Patienten kann in
einer Okklusion der Atemwege des Patienten bestehen oder aber auch in einer
Änderung des Beatmungsdrucks.
Die erfindungsgemäße Vorrichtung zur Steuerung mindestens eines Parameters
der Atemgasversorgung einer Beatmungsvorrichtung mit einem daran ange
schlossenen Patienten ist zur Herbeiführung einer kurzzeitigen Störung der
Atemgasversorgung während einer Exspirationsphase ausgebildet. Sie weist
einen ersten Sensor zur Messung des Atemwegsdrucks PAW und einen zweiten
Sensor zur Messung des Atemgasstroms d/dt V auf. Darüber hinaus dient eine
Auswerte- und Steuereinheit zur Bestimmung der Resistance RL und der
Compliance C der Patientenlunge aus dem vom ersten Sensor gemessenen
Atemwegsdruck PAW und dem vom zweiten Sensor gemessenen Atemgasstrom
d/dt V. Aus weiteren Messwerten für den Atemgasstrom d/dt V sowie aus der
zuvor bestimmten Resistance RL und der Compliance C berechnet die Auswerte-
und Steuereinheit einen Atemwegsdruck PAWC . Schließlich wird der Muskeldruck
PMUS ermittelt, das ist der durch die Eigenanstrengung des Patienten verursachte
Anteil am Atemwegsdruck. Er wird von der Auswerte- und Steuereinheit als
Differenz aus dem berechneten Atemwegsdruck PAWC zu dem tatsächlich
gemessenen Atemwegsdruck PAW ermittelt. Die Auswerte- und Steuereinheit
verändert daraufhin den mindestens einen Parameter der Atemgasversorgung in
der bereits oben beschriebenen Weise.
Die Störung in einer Exspirationsphase des Patienten wird nach Möglichkeit immer
nur kurzzeitig sein und beispielsweise im Bereich von einigen wenigen hundert
Millisekunden, vorzugsweise bei ungefähr 200 Millisekunden, liegen, um die
Beatmung des Patienten minimal zu beeinträchtigen. Die Störungen in ihrer
Abfolge werden nach einem zeitlichen Muster durchgeführt und treten zum
Beispiel einmal oder mehrmals pro Minute auf. Als Vorteil erweist es sich dabei,
die einzelnen Störungen jeweils zu verschiedenen Zeitpunkten bezogen auf die
einzelnen Exspirationsphasen zu veranlassen, da durch diese Streumaßnahme
die Zuverlässigkeit der Messungen erhöht wird.
Die Erfindung macht sich den Umstand zu Nutze, dass der Muskeldruck PMUS ein
aussagekräftiger Wert ist, wenn es darum geht, Informationen über die
Atemanstrengungen des Patienten zu erhalten. Wird der Muskeldruck PMUS auf
einem vorgegebenen Wert gehalten, der in der Praxis zumeist Null oder aber sehr
gering ist, so ist auf diese Weise gewährleistet, dass der Patient wenig eigene
Atemanstrengungen aufbringen muss und das sogenannte "ventilator fighting"
vermieden wird.
Im Folgenden wird beschrieben, wie aus den gemessenen Werten für den
Atemwegsdruck PAW und dem Atemgasstrom d/dt V die Resistance RL und die
Compliance C der Patientenlunge bestimmt werden sowie schließlich der
Muskeldruck PMUS ermittelt wird.
Ausgangspunkt ist die folgende Grundgleichung:
wobei mit V das verschobene Atemgasvolumen bezeichnet wird.
PEEPt = PEEPIN + PEEPEX ist der gesamte positive endexspiratorische Druck,
welcher sich zusammensetzt aus dem intrinsischen PEEPIN, der aus dem in der
Lunge des Patienten nach vollständiger Ausatmung verbliebenen Gasvolumen
resultiert, und dem externen PEEPEX, der durch die Beatmungsvorrichtung
vorgegeben ist. (Zur Aufteilung des gesamten PEEPt in die beiden Anteile PEEPIN
und PEEPEX vergleiche beispielsweise die US 6,015,388.)
Zunächst wird die Resistance RL als Quotient aus der Differenz zweier
gemessener Atemwegsdrücke PAW1 und PAW2 und der Differenz zweier jeweils zu
denselben Zeitpunkten gemessenen Atemgasströme (d/dt V)1 und (d/dt V)2
bestimmt:
Die Messungen PAW1 und (d/dt V)1 erfolgen vor und die Messungen PAW2 und
(d/dt V)2 erfolgen während einer kurzzeitigen Störung in einer Exspirationsphase.
Besteht die Störung in einer Okklusion, so wird der Atemgasstrom (d/dt V)2 zu Null,
und für die Lungenresistance RL ergibt sich:
Sodann werden die externe Resistance Rex und der externe PEEPex aus der
folgenden Beziehung ermittelt:
PAW = -Rex.d/dt V + PEEPEX.
Die externe Resistance Rex ist die durch den Widerstand im Exspirationszweig der
Beatmungsvorrichtung bedingte Resistance, die zusammen mit der Resistance RL
der Patientenlunge die gesamte Resistance ergibt.
Die obige Beziehung geht auf die Grundgleichung für den Sonderfall einer
Exspiration zurück. Indem man mindestens zwei Messungen für den
Atemwegsdruck PAW und den Atemgasstrom d/dt V durchführt, erhält man
ausreichend viele Bestimmungsgleichungen für die externe Resistance Rex und
den externen PEEPEX.
Je mehr Messungen man durchführt, umso bessere Möglichkeiten hat man, mit
Näherungsverfahren zuverlässige Werte für Rex und den externen PEEPEX zu
erlangen.
Für den Atemgasstrom d/dt V und das während einer Exspiration verschobene
Ausatemgasvolumen Vex gilt folgender Zusammenhang:
mit der Ausatemzeitkonstanten τ und einem Anfangswert (d/dt V)to zum
Zeitpunkt to.
Hier führen mehrere Messungen für den Atemgasstrom d/dt V zu ausreichend
vielen Bestimmungsgleichungen für die Ausatemzeitkonstante τ und den
Anfangswert (d/dt V)to. Mit zusätzlichen Messungen lassen sich wie im Fall oben
Näherungslösungen von höherer Zuverlässigkeit ermitteln.
Nun lässt sich die Compliance C bestimmen aufgrund der Beziehung
Den intrinsischen PEEPIN erhält man durch
wobei Vee ein während einer vollständigen Exspiration verschobenes
Ausatemgasvolumen bezeichnet. Der Ausdruck τ.(d/dt V)to - Vee bezeichnet das
sogenannte Hyperinflationsvolumen.
An dieser Stelle ist es möglich, unter Verwendung der zuvor bestimmten Größen
und mit weiteren Messwerten für den Atemgasstrom d/dt V einen Atemwegsdruck
PAWC zu berechnen. Darüber hinaus erhält man einen Wert für den
Atemwegsdruck PAW durch Messung. Der Muskeldruck PMUS ergibt sich als
Differenz aus dem berechneten zum gemessenen Atemwegsdruck:
PMUS = PAWC - PAW.
Die hier angegebenen Rechenschritte, die auf einen Wert für PMUS führen, haben
Beispielscharakter. Grundlegendes Prinzip des erfindungsgemäßen Verfahrens,
das auch bei abgewandelten Rechenschritten Anwendung findet, ist die
Berechnung eines Atemwegsdrucks PAWC aus zuvor gemessenen Werten für den
Atemwegsdruck PAW und den Atemgasstrom d/dt V und den daraus bestimmten
mechanischen Parametern des respiratorischen Systems des Patienten, der
anschließende Vergleich mit einem tatsächlich gemessenen Wert für den
Atemwegsdruck PAW und schließlich eine Steuerung auf der Grundlage eines
Vergleichs zwischen beiden Werten, ausgedrückt als Muskeldruck PMUS.
Die Erfindung wird beispielhaft anhand der Figur erläutert.
Die Figur zeigt eine Beatmungsvorrichtung, mit der das erfindungsgemäße
Verfahren durchgeführt werden kann. Ein Ventilator 100 versorgt einen an die
Beatmungsvorrichtung angeschlossenen Patienten 300 mit Atemgas. Eine
kurzzeitige Störung der Atemgasversorgung, beispielsweise durch eine
Okklusion der Atemwege herbeigeführt, erfolgt durch eine Störeinrichtung 101 im
Exspirationszweig der Beatmungsvorrichtung. In der Beatmungsvorrichtung
angeordnet ist ein erster Sensor 200, der den Atemwegsdruck PAW misst. Der
Atemgasstrom d/dt V wird von einem zweiten Sensor 201 gemessen, der ebenfalls
in der Beatmungsvorrichtung angeordnet ist. Die vom ersten Sensor 200 und vom
zweiten Sensor 201 gemessenen Werte werden an eine Auswerte- und
Steuereinheit 800 weitergegeben. Dort werden aus den gemessenen Werten
zunächst die Resistance RL und die Compliance C der Patientenlunge,
anschließend ein Atemwegsdruck PAWC berechnet. Die Auswerte- und
Steuereinheit 800 vergleicht den berechneten Atemwegsdruck PAWC mit dem vom
ersten Sensor 200 tatsächlich gemessenen Atemwegsdruck PAW. Ist der
Muskeldruck PMUS = PAWC - PAW positiv, so wird der Ventilator 100 von der
Auswerte- und Steuereinheit 800 in der Weise angesteuert, dass der
Beatmungsdruck erhöht wird. Ist PMUS = PAWC - PAW negativ, so wird der vom
Ventilator 100 erzeugte Beatmungsdruck vermindert. Erst wenn der Muskeldruck
PMUS nahe bei Null liegt, wird der Beatmungsdruck beibehalten.