[go: up one dir, main page]

Freies Feedback

Was können wir auf unserer Webseite noch verbessern?

Ausland Mythos begraben

Der Gaza-Krieg hat im Nahen Osten zweifellos eine Zeitenwende eingeläutet. Für die Muslime sollte sich daraus eine Erkenntnis besonders herauskristallisieren. Zeit, auf die vergangenen 12 Monate aus einer anderen Perspektive zurückzublicken.

Seit über einem Jahr schon tobt der blutige Krieg in Gaza. Über 45.000 Menschen sind mittlerweile dem grausamen Bombardement Israels zum Opfer gefallen. Schätzungsweise 1,9 Millionen befinden sich seitdem auf der Flucht. Ein ganzer Landstrich ist dem Erdboden gleichgemacht worden und jegliche Existenzgrundlage hat das zionistische Konstrukt den noch verbliebenen Menschen entzogen. Seinen mörderischen Feldzug hat es in den vergangenen Monaten auf den Libanon ausgeweitet, bevor es nun zu einer Waffenrufe an der Nordfront gekommen ist.

Doch trotz des Leidens der Menschen und der Fassungslosigkeit über die Verbrechen in Gaza, hat dieser Krieg auch viele Schleier endgültig gelüftet. Ob es der wiederholte Verrat der Herrscher in der islamischen Welt ist, die mit einer unvorstellbaren Gleichgültigkeit die stetig steigende Zahl der Toten nur noch schulterzuckend zur Kenntnis nehmen; ob es die Heuchelei des Westens ist oder das bekannte Duckmäusertum der deutschen Politik, die in ihrer philosemitischen Haltung vor den zionistischen Verbrechen die Augen verschließt und sich dabei einer nicht nachvollziehbaren Staatsräson gegenüber Israel verschrieben hat. Vor allen Dingen aber haben die letzten 12 Monate den scheinbar festgefahrenen Mythos entlarvt, dass die koloniale Ordnung im Nahen Osten unverrückbar sei und zu dieser keine Alternative bestehe. Der Gaza-Krieg hat diesen Mythos definitiv begraben und den Muslimen deutlich zu erkennen gegeben, dass das System der Nationalstaaten als Produkt der kolonialen Ordnung alles andere als stabil und alternativlos ist, sondern buchstäblich auf Sand gebaut ist. Die seinerzeit von den Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien auf dem Reißbrett entworfenen säkularen Nationalstaaten haben den Menschen in dieser Region letztlich nichts weiter als Krieg, Vertreibung und Elend gebracht. Selbst das jüdische Leben, um das Deutschland so sehr besorgt zu sein scheint, ist mit der Schaffung des israelischen Nationalstaates keineswegs sicherer geworden.

Aus diesem Grund ist es für die Umma essentiell, die gegenwärtigen Entwicklungen als eine Zeitenwende im Nahen Osten zu begreifen. Denn was wir im Augenblick beobachten können, ist der Anfang vom Ende der kolonialen Ordnung in der islamischen Welt und der mögliche Beginn einer neuen Epoche. So haben die säkularen Nationalstaaten unter außenpolitischen Gesichtspunkten in jeglicher Hinsicht versagt und können nicht einmal das Leben der Muslime sowie ihre Länder vor den Übergriffen ihrer Feinde schützen. Palästina ist ein Paradebeispiel dafür, wie islamischer Boden besetzt werden konnte, die dort ansässige Bevölkerung vertrieben und getötet wurde, ohne dass einer der umliegenden Staaten ernsthaft versucht hätte, sich dieser Okkupation in den Weg zu stellen oder zumindest den dortigen Widerstand in irgendeiner Form zu unterstützen – und das inzwischen seit fast 80 Jahren. Stattdessen hat ein Staat nach dem anderen das zionistische Konstrukt anerkannt, seine Beziehungen zu ihm normalisiert und bei der Bekämpfung des islamischen Widerstands tatkräftig mitgeholfen. Selbst aus nationalistischer Perspektive haben die arabischen Herrscher es nicht vermocht, das Leben der Araber in Palästina zu schützen. Im Gegenteil wandten sie sich von dem Konflikt zunehmend ab und stellen ihn heute lediglich als ein Problem der Palästinenser und keineswegs mehr der Araber dar. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman brachte diese Haltung unmissverständlich zum Ausdruck, als er während eines Treffens mit dem US-Außenminister Anthony Blinken im Januar äußerte, dass ihm die Palästinenserfrage persönlich egal sei.

Aber auch innenpolitisch haben sich aus diesen Herrschaftsstrukturen heraus dysfunktionale Gesellschaften entwickelt, die in Folge immer weiter an Legitimation in der eigenen Bevölkerung einbüßten. Dieser Entfremdungsprozess zwischen der Umma auf der einen und den Nationalstaaten mit ihren Machthabern auf der anderen Seite lässt sich ebenso am derzeitigen Gaza-Krieg besonders deutlich erkennen. Seit dem 07. Oktober 2023 sind Muslime weltweit immer wieder auf die Straßen gegangen, um neben den zionistischen Verbrechen gleichzeitig auf die Untätigkeit der Staatsoberhäupter in den islamischen Ländern aufmerksam zu machen, die regungslos, beinahe paralysiert einem Völkermord zuschauen. Auch nach über 12 Monaten ist eine politische als auch eine militärische Reaktion seitens der umliegenden Staaten ausgeblieben – und sie wird auch in Zukunft ausbleiben, solange diese Herrschaftsstrukturen nicht durch das Kalifat ersetzt werden. Jener islamischen Staatsform also, die unter anderem das Leben als auch die Länder der Muslime vor den Übergriffen ihrer Feinde schützen wird.

Vor diesem Hintergrund haben die vergangenen 12 Monate den Muslimen nicht nur den erneuten Verrat ihrer Herrscher vor Augen geführt, sondern in gleicher Weise den fortschreitenden Zerfall der Nationalstaaten im Nahen Osten. Sowohl auf ordnungs- wie auch auf ideenpolitischer Ebene schufen diese staatlichen Strukturen eine einzige Ansammlung von Widersprüchen. Verstärkt wird dieser Zustand durch die fehlende Identifikation der Bevölkerung mit den Strukturen der gegenwärtigen Nationalstaaten. Diese erkennen sie zurecht als Unterdrückungsinstrumente, dich nicht in ihrem, sondern gegen ihre Interessen handeln. So ist die fehlende politische und militärische Reaktion keineswegs auf eine mangelnde militärische Schlagkraft, ungünstigen geografischen oder demografischen Verhältnissen zurückzuführen. Es ist vielmehr der fehlende politische Wille seitens dieser Herrscher, der sie zu Mittätern werden lässt. Ebenso hat der säkulare Nationalstaat nicht nur auf der Landkarte, sondern auch in den Köpfen vieler Muslime Grenzen gezogen, die den Gaza-Krieg nicht als ein islamisches Problem, sondern zum Teil noch unter ethnisch-nationalen Vorzeichen begreifen. Gleichzeitig aber fühlen sich immer mehr Muslime grenzübergreifend mit ihren palästinensischen Geschwistern verbunden, was unter rein nationalen Vorzeichen widersprüchlich erscheint.

Das Scheitern der säkularen Nationalstaaten im Nahen Osten ist somit offenkundig geworden. Daraus ergeben sich für die politischen Akteure unter den Muslimen neue Möglichkeiten, auf die öffentliche Meinung insbesondere im innerislamischen Diskurs Einfluss zunehmen und die tatsächliche Lösung zu präsentieren. Denn die Umma muss nicht mehr mühsam davon überzeugt werden, dass ihre Herrscher in Wirklichkeit gegen ihre Interessen regieren. Seit dem 07. Oktober 2023 konnte jeder Muslim in Gaza diesen Verrat mit seinen eigenen Augen beobachten. Der Umma muss nicht mehr kleinteilig dargelegt werden, welches Unheil ihnen das System der Nationalstaaten brachte. Seit dem 07.Oktober 2023 sehen die Muslime, wie die umliegenden Staaten an den von den Kolonialmächten gezogenen Grenzen halt machen, statt ihre Armeen Richtung Gaza in Bewegung zu setzen. Ebenso stößt die Idee des Kalifats, mit der die koloniale Ordnung endgültig abgewickelt wird, in der Umma immer weniger auf Skepsis. Begreifen doch immer mehr Muslime, dass nur die politische Einheit der Umma in einem Kalifat dieser Besatzung ein Ende setzen wird.

Es ist diese Erkenntnis, die sich bei den Muslimen angesichts der israelischen Verbrechen in Gaza deutlicher denn je herauskristallisieren muss: Die Idee des Kalifats als einzige politische Lösung für eine Region, die seit über 100 Jahren unter den nationalstaatlichen Herrschaftsstrukturen leidet.