LSD war das Geheimnis dieses Sommers

LSD war das Geheimnis der großen Brüder. Man hörte so viel davon, sie erzählten so wenig. Das meiste behielten sie für sich. Der große Bruder von Pepe, ein paar Jahre älter als wir, rückte gerade so viel heraus, damit unsere Neugier nicht nachließ. So kam es uns jedenfalls vor. LSD war ihr letzter Trumpf. So blieben sie noch eine kurze Zeit die Könige des großen Getuschel. Dabei waren sie längst auf Heroin. Aber davon wussten wir nichts.

Das behielten sie wirklich für sich.

LSD war auf den Schatzkarten der Drogen nirgendwo verzeichnet, das machte es noch interessanter. Es war irgendwie verboten, andererseits wurde es in klinischen Versuchen an Menschen ausprobiert, es sollte Depressionen heilen können. Pepes Bruder mussten wir lange und intensiv bearbeiten, bis er im Sommer 1977, (zufälligerweise als die Dire Straits mit ihrem schwungvollen Debut Sultans of Swing um die Ecke kamen), endlich nachgab und zustimmte, uns so eine Yellow Sunshine zu besorgen.

„Aber nur Pepe und dir“, wisperte er im kleinen Fachwerkhaus direkt an der Wupper, „und ihr haltet schön die Klappe. Zu niemand ein Wort.“

Es dauerte dann noch mal fast 14 Tage, und dann war sie da: die Acid-Pille. Eine Yellow Sunshine, „das beste, was in Europa auf dem Markt ist.“ Ich mochte Pepes Bruder ganz gern, er überführte alte Mercedes-Kutschen aus den frühen 60ern in die Türkei – ein Job, bei dem es zwar nicht die große Welt zu verdienen gab, aber es klang jedes Mal abenteuerlich, wenn er von einer Fahrt, die er grundsätzlich allein unternahm, zurückkehrte. In Marrakesch hatte er einmal einen Touristenfänger auf dem Markt falsch verstanden und steckte schnell in Schwierigkeiten. Der Schlangenbeschwörer kam mit einem lauten breiten Lachen auf ihn zu, um den Hals eine fette Schlange. Gebunden wie eine falsche Krawatte.

Pepes Bruder Jules stand in der heißen Sonne von Marrakesch, kam ins Schwitzen, zumal er kein Wort verstand, das der Markthändler auf ihn niederprasseln ließ. Und plötzlich war er keinen halben Meter mehr von Jules entfernt, gestikulierend, schweissüberströmt. Er nahm die Schlange und legte sie in blitzartiger Geschwindigkeit um Jules Hals. Das heißt, er versuchte es, denn Jules war schneller, ängstlicher. Er griff das schuppige lange Tier, nahm es in beide Hände und schmiss es mit aller Kraft einen nahen Abhang hinunter, was die zahlreichen Besucher zu Lachanfällen hinriss. Nur der Schlangenhändler war empört, schrie den deutschen Touristen an und machte sich auf die Suche nach seinem besten Stück, während Jules Richtung Bahnhof rannte – bloß keinen Honk mit der marrokanischen Polizei.

Der Trip. Die funkelnde kleine gelbe Sonne. Wie lange hatten wir Jules regelrecht anbetteln müssen, bis wir die kleine Tablette endlich in den Händen hielten. Denn letztlich war es ja nichts anderes, als eine verdammt kleine, fast schon enttäuschend kleine dunkelgelbe Tablette. Und nun steckte sie in unserem Kopf, seit über 30 Minuten schon, und es geschah – nichts. Der Wald war grün. Na und.

Pepe und ich hatten uns Samstagnachmittag am Treppenbach verabredet, einem Waldstück, in dessen Nähe ich heute noch lebe. Als wir uns schon beinahe verschaukelt fühlten, vom Geheimnis abgekoppelt, ging es los, leicht noch, zunächst. Der erste sachte Einschlag. Wer LSD nicht kennt, wer es nie probiert hat, der erwartet beim ersten Einsatz ja alles mögliche, FETTE WELTREKORDE, nur das nicht:

Einen unaufdringlichen Gast an einem milden Frühsommertag. Ja, man weiß anfangs nicht einmal, ist man schon auf Acid? Sollte das etwa die Linse sein, von der unter der Hand alle schwärmten, die Drogen versuchten und darauf warteten, verklärt gen Osten zu blicken?

Angenehm, das Licht.

Und urplötzlich ist man drin. Ohne weiteres Wort. Wie immer, wenn es wichtig wird im Leben, sind Worte nichts als tapsige kleine Welpen, die im falschen Augenblick durchs Bild rennen.

(Eines der irrsten Erlebnisse, auf einem späteren, mehr vom Speed dominierten Trip: Wie der Bruder vom dicken Hansen und ich nebeneinander auf dem Klo hockten, uns schweigend eine Klobrille teilten, weil nur ein Klo da war. Und dann war es, als wollte der Stuhl überhaupt nicht enden, als hätten wir ganze Planeten ins Universum ausgeschieden. „Boh..“, grunzte Hansen.)

Am Zedernweg ließen wir uns im Gras nieder, Pepe und ich, lagen weit ausgestreckt am Treppenbach, die Ohren nah am Bachlauf. So mächtig kam der Klang des dünnen Wasserlaufs, so unmittelbar, als senkten sich gewaltige Tonarme in die Rille einer Geräuscheplatte. Wie von Ping Pong-Schlägern geschmettert pfiffen und giggelten die Wassertropfen up and down. Wir beobachteten unsere geweihten Finger, wie sie von Norden her durchs schäumende Wasser schlenderten. Norden war Ruhe. Norden war Acid. Von nun an würde der Norden für immer Acid sein.

Der Höhepunkt: Wie wir Schulter an Schulter auf der Kuhwiese standen und zum Himmel aufblickten. Mit der bloßen Kraft des Augenblicks schoben wir die Sonne den Himmel entlang, platzierten sie neu am Firmament. Fixierten sie. Ließen sie kopfüber abtropfen. Die Pupillen übernahmen die neue Regie. Mit einer Genickstarre wie im Kino, erste Reihe, schwappten wir kichernd über die Weiden.