Diskretion.

Die Dachkammer ist in Dunkelheit versunken – man müsste vielleicht bloß mit einigem Willen die Hände ausstrecken, dann könnte man Plejaden pflücken, denke ich, und nehme den letzten Schluck Shiraz. Hier oben, mitten im Gerümpel, das Wimmeln der Grillen und Käuze draußen, herrscht das schönste Gleichgewicht von Einfall und Erinnerung, und auch die Hitze verfliegt im Wind, der jetzt durchs Fenster zieht. Fast will sich das Haus in plötzliche Schwerelosigkeit heben, da prasseln erste Tropfen, die Blätter fegen vom Tisch.

Mayball. Er bindet noch schnell einem seiner Studenten auf der Straße die Fliege, dann stellen sie sich in die Schlange, die bis um die Ecke von Bene’t Chapel reicht. Clara trägt ein Kleid, das wohl zum Blau ihrer Haare passen soll; Louise ein schwarzes, das sie ziemlich blass erscheinen lässt. Head Porter George begrüßt sie vorm Tor, indem er seinen Stock festlich schwingt. Es dauert drei Parliament, bis sie endlich durch das Tor von Corpus schreiten. Sie trinken türkischen Kaffee und essen Baklava unter dem Maulbeerbaum. Henry sitzt ganz in Grau an der Shisha, wie ein Sultan von Getreuen umgeben. Larry der Hund trägt einen kleinen Frack. Warmes Licht fällt schräg durch die Zinnen. Ein paar Leute posieren vor der Parker Library mit einer großen weißen Eule und dem Löwenbaby. Bubbly en masse.

Nachdem M. alle Blätter von den Stufen gesammelt hat, schüttelt sie den Kopf und seufzt: »Monströs, was du alles verschweigst, und was du auf der anderen Seite zu viel sagst, was mehr verrät, als dir lieb sein kann.« Wir sitzen auf der Treppe, der Donner hat alles Licht verschluckt. Blitze zucken. »Vielleicht ist es Unfug«, sage ich, »aber alles, was sich fügt, fügt sich einem Chaos zu Trotz, das mit aufgerissenem Maul umhergeht.« »Wie ein Krokodil?« »Nein, wie ein Monstrum, an dem sich die Schönheit des Kosmos ablesen lässt.«

Hiatus.

Das Haus ist ruhig, nur die Nachtigallen flöten in den Abend. Alle Fenster sind weit geöffnet. Die Wolkendecke hat sich fürs Abendrot aufgetan, das schwer und unverrückbar auf der Ruine liegt. Ich atme durch, schließe die Augen, verliere mich in den Lücken zwischen meinen Gedanken. Aus der Küche das Klirren von Gläsern, dann Lachen: »Vielleicht ist das Wichtigste am Schreiben doch am Ende das Nicht-Schreiben«, sagt M. und liest in unheiligem Ernst aus meinem Manuskript vor:

Es sei möglich, dass Lady Clara in der Wanne liege, bemerkt Ormond im Vorübergehen. Er eilt mit einer leeren Champagnerflasche auf dem Tablett die Treppe hinunter. Die Tür ist einen Spalt offen; Clara raucht mit geschlossenen Augen in der Badewanne. Die Scheiben sind beschlagen, das kleine Zimmer mit warmem Dampf gefüllt. Als sie die Augen aufschlägt, erntet Paul einen spöttischen Blick. Sie müssten sich wirklich nicht länger verstecken, sagt Clara, sie sei hier und doch nicht hier. Nun sei der Champagner schon aus. Aber es gebe noch Erdbeeren, leider ohne Cream.

Aber das Hirn bleibt doch immer hungrig, und auch die Hände sind niemals satt, denke ich. Als die Dämmerung einsetzt, zündet M. Kerzen an. Wind kommt auf, der stolze Turm fällt um, wir lassen die Klötze liegen, wie Findlinge in der Landschaft. M. sinkt auf den Teppich und legt die Beine an die Wand. Ich schließe die Fenster. Alles fällt in flackernde Müdigkeit. Das ganze Haus scheint schief zu hängen, eine gewaltige Hand müsste es aufrichten. Wir aber hadern kurz mit der Schwerkraft, dann geben wir auf.

Pusteblumen.

»Vielleicht«, sage ich, »müssen die Worte auf dem Papier erst verblüht sein, ehe man sie losschicken kann.« M. beobachtet aus dem Augenwinkel, wie der Affe dem Kind auf die Schaukel hilft. Sie trinkt den Crémant aus und blättert weiter im Manuskript. Dann seufzt sie und sagt: »Man nimmt gewöhnlich alles so hin, was passiert, aber im Nachhinein ist es doch ganz und gar unbegreiflich. Mit den Jahren wächst das Unmögliche des Lebens, dass man kaum anders kann, als darüber zu schreiben. Aber muss es gleich ein Roman sein?« Das Kind schaukelt mittlerweile bis in die Wolken, M. geht und zügelt den Affen.

Je weiter das Term fortschreitet, desto roher wird alles. Die Studenten verwildern, die Fellows haben es eilig, sich beim Dinner zu betrinken. Früh einsetzende Dunkelheit bedrängt das Gemüt. Die Bäume sind gelb, als sei ihnen übel. Die kurzen Tage fliegen dahin, ohne dass etwas geschieht. Essay folgt auf Essay, Meeting auf Meeting. Paul wird zum Bursar gewählt. Er hat keine einzige Seite für sein großes Buch geschrieben. – Ich streiche die Passage durch und stopfe die losen Blätter zurück in die Tasche. Der Wind treibt den Himmel blau und weiß durcheinander, Flecken von Licht wandern über die Hügel. Der Affe hat einen ganzen Strauß Pusteblumen gesammelt: wir pusten, bis ein Schwarm von Schirmen durch die Luft wirbelt.

Das Kind schiebt den Kinderwagen, der Affe macht Kopfstand darin. M. bekommt einen Anruf und verwünscht sogleich das Seminar. Bananeneis will das Kind. Als ich bezahle, rutschen die Papiere aus der Tasche, ich hasche hinterher, die weißgesprenkelte Gasse hoch. Passanten helfen die Blätter einsammeln. Ein paar sind vielleicht für immer verloren. Oder es ist niemals etwas verloren, es ist nur anderswo, jenseits allem, was sich greifen lässt. Wie L. und C., seitdem sie alle Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat haben fahren lassen, in alle Winde verweht sind; auch Perkeos Dachkammer steht leer und flirrt von Sonnenstäubchen in einer Stille, die um den ganzen Horizont schreit.